Gesellschaft unter Strom – Die Elektrifizierung der Welt

Energiewenden sind kompliziert und wecken Widerstand. Das gilt nicht nur für die Durchsetzung alternativer Energien heute, sondern galt auch für die Durchsetzung der Elektrizität. Eine Katastrophe bahnte ihr den Weg.

Zum Teufel mit Kohle, Öl und Gas. Her mit Energie aus Wind, Sonne und Biomasse. Der Umstieg ist notwendig, doch hoch umstritten und mit Risiken und Übergangsproblemen belastet.

Da könnte ein Blick auf frühere Energiewenden lohnen. In seinem Buch „Der elektrische Traum“ erzählt Alexander Bartl von der „Elektrifizierung der Welt“ und der Energiewende zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Es gab riesige Widerstände. 1878 waren sich, glaubt man dem Autor, die führenden Ingenieure der Kaiserzeit einig: Niemals werde Elektrizität das Gaslicht verdrängen. Strombetriebene Lampen seien unpraktisch und schadeten den Augen, argumentierten Skeptiker und verwiesen auf Speicherprobleme und die komplizierte Verteilung von Strom. Leuchtgas sei unentbehrlich, meinte auch der Ingenieur Werner Siemens. Und Emil Rathenau, Gründer der AEG, führte technische Probleme gegen die Verbreitung der elektrischen Beleuchtung an. Auch die einflussreiche Gas-Lobby machte mobil: Ihr gehörten die Gasfabriken und Speicher und das Netzwerk der Leitungen.

Doch dann wurde ein katastrophaler Unfall zum Kipppunkt. Lecks und undichte Rohre: Feuer vernichteten Theater in Berlin, Frankfurt, Nizza und Toronto. 1881 passierte, so erzählt Bartl, im Wiener Ringtheater die schlimmste Katastrophe. Durch technische Defekte kam es zu einer gewaltigen Explosion. Fast 400 Menschen starben.

Ein Wendepunkt. Kaum hatten sich die Menschen an Eisenbahnen und Gaslicht gewöhnt, begann die Elektrifizierung des Alltags. Der Weg für die Glühbirne wurde frei. Zuvor eine Kuriosität, wurde sie zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand und Massenprodukt – zumal der US-Forscher Thomas Alva Edison sie entscheidend weiterentwickelt hatte. Er kam 1878 auf die Idee, dass der Glühfaden aus fortlaufenden Fasern bestehen muss, die dem Strom über längere Zeit gleichmäßigen Widerstand entgegen setzen. Er nutzte zunächst Bambusfasern. Später wurden sie durch Wolfram ersetzt.

In wenigen Jahrzehnten wurde Elektrizität die Fortschrittstechnologie par excellence. Elektrofirmen wie Siemens und die AEG wurden auch international zu großen Akteuren. Die Würzburger Historikerin Lina Schröder wundert sich deshalb, wie wenig sich die Geschichtswissenschaft mit dieser frühen Energiewende befasst hat. Wer waren die treibenden Kräfte, welche Widerstände gab es? Laut Schröder gibt es zwar viele lokale Studien über die Elektrifizierung einzelner Städte oder Bauwerke. Aber ein Gesamtüberblick fehlt.

Schröder verweist darauf, dass die neue Technologie „von oben nach unten“ durchgesetzt wurde: Weltausstellungen, die Boulevards der großen Städte, Theater, Straßenbahnen oder große Kinopaläste wurden als erste elektrifiziert – und zu Symbolen moderner Urbanität. Es folgten die Stadtviertel der gut Betuchten, dann erst die ärmeren Quartiere und ländlichen Regionen. Kleine Geräte wie das elektrische Bügeleisen sorgten schließlich dafür, dass Elektrizität in allen Haushalten salonfähig wurde und Petroleumlampen, Holz- oder Kohleherde nach und nach ersetzte, berichtet die Historikerin. Elektrische Zigarrenanzünder, Teekessel oder Tischklingeln erfreuten sich bald großer Beliebtheit, verkörperten sie doch Lebensstandard und Modernität.

Auch die Kirchen dürften nach Einschätzung von Schröder wichtige Influencer der neuen Technologie gewesen sein. Zwar gab es Kritiker, die elektrische Beleuchtung als Teufelszeug diffamierten, weil sie den von Gott gewollten Wechsel von Hell und Dunkel störte. Doch dürften hell erleuchtete Gotteshäuser eine enorme Wirkung auf die Gottesdienstbesucher gehabt haben.

Auch hier gibt es allerdings erstaunlich wenig Forschung, wie eine Anfrage bei der Kölner Dombauhütte zeigt. Pressesprecher Matthias Deml hat herausgefunden, dass die Kathedrale im Inneren von 1850 bis 1911 durch Gaslicht beleuchtet wurde. Eine erste elektrische Außenbeleuchtung gab es als einmaliges „Event“ zur Vollendungsfeier des Domes am Abend des 15. Oktober 1880. Ein Besuch von Kaiser Wilhelm II. 1911 sorgte erneut für kurzen äußeren Glanz. Anlass für eine erste elektrische Festbeleuchtung im Domchor war der Eucharistische Weltkongress 1909. 1911 wurde dann gänzlich auf elektrisches Licht umgestellt.