Gemeinsam gegen Vorurteile

Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern machen – das ist das Ziel der Respekt Coaches. Sie arbeiten an Schulen in Nordrhein-Westfalen für Toleranz und gegen Diskriminierung.

Sie bemalen Graffiti-Leinwände, schreiben eigene Raps mit Hip-Hop-Profis. Sie gestalten Theaterstücke oder recherchieren über Menschen, zu deren Gedenken es auf Gehwegen einen Stolperstein gibt. Sie drehen Videos oder fotografieren aus ihrer ganz persönlichen Perspektive. Die Projekte, die es seit vier Jahren an verschiedenen Schulen in Nordrhein-Westfalen und bundesweit gibt, sind vielfältig und haben doch ein gemeinsames Thema: Vielfalt, Gemeinschaft, Toleranz – und Respekt.

Seit 2018 gibt es die sogenannten Respekt Coaches. In Kooperationsschulen arbeiten sie mit Schülerinnen und Schülern zusammen. Die Respekt Coaches sind an die Jugendmigrationsdienste angegliedert und ein Projekt der Primärprävention. Junge Menschen sollen mit ihrer Hilfe gegen Extremismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gewappnet werden. Im Verbandsgebiet der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) sind 18 Respekt Coaches an 16 Standorten eingesetzt. Bundesweit sind es mehr als 400 Personen. Ein Respekt Coach ist meist für ein bis zwei Schulen zuständig und dort regelmäßig mit verschiedenen Angeboten vor Ort.

Jugendliche sollen eine eigene Meinung entwickeln

Panagiota Balagka kommt am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Ratingen auf verschiedene Arten zum Einsatz. Sie leitet zwei Arbeitsgruppen (AG), macht klassenübergreifende Workshoptage, etwa zum Thema Sozialkompetenz. Sie wird auch dazugeholt, wenn es besondere Vorfälle gibt oder eine Lehrkraft Bedarf in ihrer Klasse sieht. In der AG für die 9. Klasse sind in diesem Jahr Demokratie und Partizipation die zentralen Themen. Die AG der 7. und 8. Klasse beschäftigt sich mit dem Thema Vielfalt. Auch wenn diese Themen als Rahmen vorgegeben sind, dürfen die Jugendlichen diese selbst mit Leben füllen.

Im Mittelpunkt steht ein gemalter Erdball, darum herum sind bunte Handabdrücke, oben eine Leiste mit verschiedenen Flaggen

„Es ist wichtig, dass sie merken, dass sie das Projekt selbst gestalten dürfen. Für viele Schüler und Schülerinnen ist das neu“, sagt Panagiota Balagka. Wenn sie merkt, dass die Gruppen selbst aktiv werden, ist das für sie als Respekt Coach ein Erfolgserlebnis. Ihr Ziel ist es, dass die Jugendlichen lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und Dinge, die sie lesen oder hören, auch zu hinterfragen.

Schule kein rassismus- und diskriminierungsfreier Raum

„Ich habe das Gefühl, es gibt viele, die keinen Respekt vor anderen haben“, sagt Janina Pavlovic. Auch deshalb nimmt die Zwölfjährige in diesem Schuljahr an einer der AGs von Panagiota Balagka teil. Sie freut sich schon auf die kreative Arbeit in der AG. Es ist geplant, ein Graffiti zu gestalten. Im Schulalltag habe sie schon mitbekommen, wie ein paar Jungs aus ihrer Klasse eine Mitschülerin beleidigt haben. Das Mädchen ist schwarz. Janina findet, da muss man widersprechen, sich an die Seite der Mitschülerin stellen. Weil eben auch Schule kein rassismus- und diskriminierungsfreier Raum ist, sind Programme wie die Respekt Coaches wichtig.

In Gesprächen und in den AGs geht es um die Dinge, die die jungen Menschen gerade am meisten beschäftigen, sagt Panagiota Balagka. Sexuelle Vielfalt sei ein großes Thema, das viele bewege. „Mit den Eltern wird darüber kaum gesprochen.“ Da lernten viele eher ein klassisches Beziehungsmodell mit heterosexuellen Eltern kennen. Dass aber nicht alles, was dem nicht entspricht, automatisch schlecht sein muss, das lernen die Schülerinnen und Schüler in den AGs.

Entlastung für Lehrkräfte

„Die Respekt Coaches sprechen Themen an, für die es im normalen Schulalltag oft wenig Raum gibt. Sie entlasten damit auch die Lehrkräfte“, sagt Friederike Menzemer, Referentin für Integration und Migration bei der Diakonie RWL. Denn im Unterricht sei manchmal nicht genügend Zeit, sich ausführlich damit zu befassen. Etwa, genauer zu verstehen, woher Vorurteile kommen. Oder welche Gestaltungsmöglichkeit jeder Mensch in der Gesellschaft hat.

mit Wasserfarben gemalte Szenen zu Integration und Akzeptanz

Dass das Projekt wirkt, ist mittlerweile wissenschaftlich untersucht. 2020 wurde dazu eine Evaluation durchgeführt, bei der aus verschiedenen Perspektiven erforscht wurde, wie die Zusammenarbeit gelingt, was sich dadurch verändert hat und wie das Projekt verbessert werden könnte. Das Ergebnis: Die Schulen sind durchweg dankbar für so eine Person, die regelmäßig vor Ort und für diese Themen ansprechbar ist. Viele Schulen berichten, dass sich das Klima und der Umgang der Schülerinnen und Schüler untereinander verbessert haben. Interkulturelle Kompetenz und konstruktiver Austausch sind demnach gewachsen.

Kaum Planbarkeit und Langfristigkeit

Was die Schulen jedoch kritisieren: Planbarkeit und Langfristigkeit. Denn die Zukunft des Projekts ist nicht sicher – zumindest nicht flächendeckend. Für 2021 wurde das Projektbudget noch um 15 Millionen Euro aufgestockt, die Angebote entsprechend ausgebaut. Für das kommende Jahr fehlt dieser Posten im Haushaltsplan – immerhin mehr als ein Drittel des Gesamtbudgets. „Wenn das Geld fehlt, wird das Auswirkungen auf die Reichweite des Projekts haben“, sagt Friederike Menzemer. Wenn 15 von insgesamt 36 Millionen Euro fehlen, sei die Konsequenz Stellenabbau. Dabei habe sich die Regierung im Koalitionsvertrag eigentlich klar geäußert, Diskriminierung und Extremismus bekämpfen zu wollen.

Sicherheit gibt es für das Projekt nicht. Eine Weiterführung muss jährlich neu beantragt werden. Das erschwert die Planung. Dabei ist die Arbeit der Respekt Coaches so wichtig: „Schülerinnen und Schüler werden darauf vorbereitet, mündige Mitglieder der Gesellschaft zu werden.“ Gerade in den aktuellen Zeiten sei es wichtig, ihnen Angebote zu machen, sagt Friederike Menzemer. „Es wäre schade, wenn uns das nicht das nötige Geld wert wäre.“