Gemeinde erinnert an verheerende Explosion mit 220 Toten

In einer Fabrik für Sprengstoff kam es vor 100 Jahren zu einem schlimmen Unglück. Daran erinnert jetzt eine Quickborner Kirchengemeinde.

OFC Pictures - Fotolia

Die schleswig-holsteinische Stadt Quickborn erinnert am Freitag, 10. Februar, an die verheerende Sprengstoff-Explosion vor 100 Jahren. Am 10. Februar 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, kam es in den frühen Morgenstunden im Ortsteil Heide zu einer Tragödie. Mehr als 200 Menschen wurden dabei getötet.
Die Martin-Luther-Gemeinde feiert um 18 Uhr eine ökumenische Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Unglücks. Am Morgen um 7 Uhr sollen fünf Minuten lang die Kirchenglocken läuten. Um 14 Uhr wird ein Kranz auf dem Friedhof niedergelegt. Noch bis zum 3. März ist eine Ausstellung zu dem Unglück im Quickborner Rathaus zu sehen.
Hintergrund war, dass es Ende des 19. Jahrhunderts an der Elbe bei Geesthacht bereits mehrere Pulverfabriken gab. Weil es jedoch erheblichen Widerstand in der Bevölkerung gegen weitere Fabriken gab und zudem der Bahntransport von Sprengstoff erlaubt wurde, entwickelte sich nach 1900 auf der Quickborner Heide nördlich von Hamburg ein weiteres Zentrum für die Munitionsproduktion. Seit 1884 gab es hier eine Zugverbindung von Altona nach Kaltenkirchen, Vorläufer der heutigen AKN-Linie A1.

Explosion um 6.58 Uhr

Bereits 1891 wurde in der Quickborner Heide eine kleinere Fabrik für Jagd- und Exerziermunition gebaut, die aber 1910 wieder geschlossen wurde. 1892 wurde die Firma Thorn für Sprengstoffe und Pulver gebaut. 1904 kamen die Hamburger Explosivstoffwerke "Glückauf" und in den Anfangsjahren des Ersten Weltkriegs die Norddeutschen Sprengstoffwerke dazu. Mehr als 2.000 Menschen arbeiteten hier zeitweilig.
Um 6.58 Uhr kam es am 10. Februar 1917 auf dem Gelände der Firma Thorn zu einer folgenschweren Explosion, die auch den benachbarten Betrieb "Glückauf" in Mitleidenschaft zog. Es war das bislang schwerste Explosionsunglück in Schleswig-Holstein. Bis nach Hamburg soll der Druck spürbar gewesen sein.
Über die Opferzahlen gibt es keine exakten Angaben. Die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte spricht von mindestens 220 Toten. Es handelte sich überwiegend um Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren. Zum Teil lebten sie in den Baracken der Werke. In der Bevölkerung war bekannt, wie gefährlich die Arbeit in der Fabrik war. Riskant war vor allem, wenn das Pulver in die Munitionsbehälter gepresst wurde. Bereits früher soll es einzelne Todesopfer gegeben haben. "Tweemol in’n Johr geiht bei Thorn’n Preß in de Luft", hieß es in der Bevölkerung. 

Fabrikbesitzer "nicht kooperativ"

103 Leichen seien bis zur Unkenntlichkeit verbrannt gewesen, schreibt der Quickborner Heimatforscher Jürgen Hühnke. Noch eine Woche später habe man weitere Leichen in der Umgebung gefunden. Viele Schwerverletzte wurden mit der Bahn in die Krankenhäuser nach Hamburg und das damals noch selbstständige Altona gebracht, wo vermutlich viele von ihnen starben. Die Kirchenbücher seien unvollständig, schreibt Hühnke. Fabrikbesitzer Max Thorn habe sich "nicht kooperativ" gezeigt und sei später auch nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden. Die Militärzensur verhinderte zudem eine öffentliche Aufarbeitung.
Ein Gedenkstein auf dem Quickborner Friedhof erinnert an die Opfer. Die letzten Überreste der Munitionsfabriken wurden Anfang 2011 abgerissen. Auf dem Gelände steht heute neben zahlreichen Wohnhäusern auch die Martin-Luther-Kirche. In der Kapelle hängt ein Kreuz, das aus den Eisenbeschlägen eines damals zerstörten Eisentores geschmiedet wurde. (epd)