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Furchtlos und immer in Schwierigkeiten

Vor zehn Jahren, am 27. April, starb die große Theologin Dorothee Sölle.

Von Wolfgang Fietkau

Dorothee Sölle, die 2003 wenige Wochen vor dem Berliner Ökumenischen Kirchentag auf einer Vortragsreise starb, verkörperte in ihrer Person ungewöhnlich viele Eigenschaften, die nur scheinbar widersprüchlich sind. Der Titel eines soeben erschienenen Buches von Renate Wind zählt einige auf: „Grenzenlos glücklich, absolut furchtlos, immer in Schwierigkeiten“. Auch ihr Ehemann, der ehemalige Mönch Fulbert Steffensky, be-schreibt sie in ihren Widersprüchen: „Die einen sagen, sie habe das Glaubensbekenntnis zertrümmert und Menschen in ihrem Glauben irritiert. Die anderen sagen, ohne sie wären sie nicht in der Kirche geblieben und hätten ihre Kinder nicht taufen lassen.“ Auf einem Kirchentag hatte es angefangen, 1965 in Köln. Da füllte die damals 36-jährige Studienrätin, Mutter von drei Kindern, eine Messehalle mit 4000 Menschen und erregte die Gemüter. „Kirche ist auch außerhalb der Kirche“, sagte sie. Sie bezog sich darauf, dass Christus den Mächten die Herrschaft genommen hat und natürlich auch der Kirche, falls sie sich als eine Macht verstehen will. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt jenen, die wenig zu sagen haben. Also „einfachen“ Leuten. Sie wollte wissen, wie jene wirklich dran sind. Wer mit ihr zu tun hatte, weiß, dass sie in ihren persönlichen Entscheidungen zurückhaltend, fast unsicher war. Sie war eine stille Zuhörerin ohne aufwendigen Lebensstil. Sie nahm sich immer wieder Zeiten des Rückzuges, der Meditation. Daher bezog sie dann die Kraft zur überzeugenden Rede und den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Das Besondere an ihr war gewiss eine geradezu einmalige Mischung von Zuhören können, Aufnehmen, Wahrnehmen einerseits und eigenwilliger, mutiger, unorthodoxer Sprache andererseits. Was ihre Argumentationsweise und den sprachlichen Ausdruck angeht, war sie von ihrem Vorbild Bertolt Brecht inspiriert. Sie stellte Fragen, wo andere längst bei Antworten waren. Freundschaften und Nähe pflegte sie nicht nach dem Grad der Prominenz ihrer Freundinnen und Freunde. Sie wollte wissen, was die Leute denken, fürchten und hoffen, wo immer sie ihren Platz in der Gesellschaft haben. Das erwies sich dann auch auf ihren Reisen in viele Länder der Erde, gerade in Krisengebiete wie Vietnam oder Lateinamerika. Zu ihren besonderen Vorzügen gehört, dass sie in kleinen, nur scheinbar abseitigen Geschehnissen wahrnahm, welche Wunder gerade durch „kleine“ Leute wieder und wieder geschehen. Ihre Beispielgeschichten in Bibelarbeiten, Büchern und besonders in ihren Gedichten sind voll davon.Auf Kirchentagen hat sie, vorwiegend in Bibelarbeiten, den Men-schen quer durch die Altersstufen Mut gemacht. Aber es gab auch eine Zeit, in der um die Teilnahme von Dorothee Sölle bei Kirchentagen gepokert wurde. Diejenigen, die sich für besonders fromm hielten, drohten damit, ihre Leute vor dem Kirchentag zu warnen und nicht mehr daran teilzunehmen, wenn dort Dorothee Sölle auftreten würde. Viele wollen das heute nicht mehr so richtig wahrhaben. Aus dieser Zeit sind in manchen Kreisen noch immer Klischees über sie im Umlauf. Wenn man ihnen nachgeht, merkt man, dass Christen, die sie kategorisch ablehnen, sie eine Gott-ist-tot-Theologin nennen, kaum etwas von ihr gelesen haben, und nur nachplappern, was andere vorplappern. Sie haben gar nicht gemerkt, dass sie in diesem Zusammenhang von einem Gott sprach, den sich manche Menschen wie eine Handpuppe zurechtmachen und benutzen. Und der ist schon deshalb tot, weil er nie gelebt hat. So schieden sich an dieser Frau die Geister. Und wer sich, wie sie, nicht elastisch einfügt in das, was gerade vorherrschend ist, auch in Kirche und Theologie, muss das natürlich büßen: In Deutschland hat diese Theologieprofessorin nie einen Lehrstuhl bekommen. Den hatte sie für längere Zeit in New York. Dorothee Sölle war, wenn man das von einem Menschen sagen darf, eine überaus fromme Frau, die sich mühte, die Bibel so zu hören, dass sie neu zu den Menschen spricht. „Die neue Sprache finden“, war eins ihrer Ziele und eine ihrer Empfehlungen. Sie hat viele ihrer Gedanken in Gedichten festgehalten. Beten und dichten ist eigentlich dasselbe, hat sie gesagt. Ihre Gegner bezeichnen sie gern als linke Theologin. Wenn damit der tätige Wunsch nach Solidarität und Gerechtigkeit gemeint ist, war das der so Titulierten recht. Sie hat sich immer wieder dafür ausgesprochen, dass Christen, die ihre Kirche kritisch sehen, diese Organisation nicht verlassen, sondern daran arbeiten, dass die Bibel dort besser zum Tragen kommt. Dann wäre sie, die Kirche, eines Tages vielleicht nicht mehr wiederzuerkennen.