Für die Kirche ändern sich die Zeiten

Kirchliche Hochzeit? Muss nicht sein, sagen sich immer mehr Menschen. Sie suchen für besondere Lebenssituationen Rituale fern des Altars. Wie die Kirche trotzdem punkten kann.

Den Bund fürs Leben schließen – immer häufiger außerhalb der Kirche (Symbolbild)
Den Bund fürs Leben schließen – immer häufiger außerhalb der Kirche (Symbolbild)BillionPhotos.com / Fotolia

Schwerin. Namensweihe für Neugeborene auf hoher See, aufsteigende Luftballons zur Hochzeit, Popmusik auf Trauerfeiern: Immer mehr Menschen wünschen sich offenbar, dass ein Ritual zu einem Wendepunkt in ihrem Leben individuell ausgestaltet wird. Dabei greifen selbst Kirchenmitglieder offenbar gern auf außerkirchliche Angebote zurück.
Wie es mit den Ritualen neben den Kirchen aussieht, ist Thema einer neuen Broschüre der Nordkirchen-Arbeitsstelle "Kirche im Dialog". Die 60-seitige Publikation trägt den Titel des Bob Dylan-Songs "The times, they are a-changin‘ … " (dt: die Zeiten ändern sich). Sie wurde in Schwerin zum Abschluss der fünfjährigen Tätigkeit der Arbeitsstelle vorgestellt.

Kirche verliert Monopol

Autor Jörg Pegelow, Pastor der Arbeitsstelle, weist darauf hin, dass die Kirche ihr Monopol für Rituale und Amtshandlungen verloren hat. Stattdessen stehe eine bunte Vielfalt an Angeboten bereit. Immer mehr Redner und Ritualdesigner würden ihre Dienst anbieten für runde Geburtstage oder Feiern zum Übergang ins Erwachsenenalter, für Heirat oder Beerdigung, Hochzeitsjubiläen oder Berufsende. Vor allem bei Hochzeiten und Trauerfeiern habe sich in den vergangenen 20 Jahren ein breites außerkirchliches Angebot etabliert. Die Kunden wünschten sich vor allem eine individuelle und persönliche Feier.
Bundesweit werden laut Broschüre schätzungsweise etwa jede zehnte Hochzeit und jede vierte Bestattung durch außerkirchliche Angebote begleitet. Im Jahr 2010 wurden in Hamburg und Schleswig-Holstein von den 28.350 verstorbenen evangelischen Kirchenmitgliedern nur 20.207 (71 Prozent) mit einer kirchlichen Trauerfeier begleitet.

Orgelmusik schreckt ab

Pastoren werde offenbar unterstellt, sie müssten eine traditionelle Botschaft vortragen, und deshalb gehe das Einmalige und Individuelle verloren, heißt es in der Broschüre. Auch die Atmosphäre in Kirchen und Orgelmusik scheint einige abzuschrecken. Manch einer habe Sorge vor moralischen Vorhaltungen des Pastors gegenüber dem Verstorbenen, vielleicht auch enttäuschende Erfahrungen mit der Kirche.
Ein wichtiges Motiv für eine freie Trauung oder Trauerfeier ist nach den Erfahrungen befragter Ritualdesigner und Trauerredner, dass offenbar immer weniger Menschen beispielsweise an eine Existenz nach dem Tod glauben. Nach einer 2011 veröffentlichten Untersuchung waren die Jenseitserwartungen in der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen mit nur 44 Prozent am geringsten ausgeprägt. Gerade diese Generation sei heute meist für die Bestattung der Eltern zuständig, schreibt Pegelow.

Was die Kirche jetzt machen muss

Doch die Kirche hat eine Chance, viele Menschen in besonderen Lebenssituationen zu erreichen: Pegelow weist darauf hin, dass Kirchenferne durchaus bereit sind, sich auf christliche Amtshandlungen einzulassen. Aber sie wollten nicht vereinnahmt werden, wünschten sich eine individuelle Note und einen authentischen Pastor, der eine Beziehung zur Gemeinde aufbaut. Der liturgische Ablauf sollte nachvollziehbar und die Texte verständlich sein.
Seinen Amtsbrüdern und -schwestern rät Pegelow, offen für individuelle Wünsche zu sein und eine angemessene Feier gemeinsam mit allen Beteiligten zu entwickeln. Vieles sei eher eine Geschmacks- oder Stilfrage, als dass es den Kern der christlichen Botschaft berühre. Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Trauerfeier würden die große Chance bieten, den Horizont zu weiten für den Zuspruch des Evangeliums. (epd)