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Fünf Jahre Putsch in Myanmar: Die Krise ist Normalzustand

Zuletzt wollten die Militärs Normalität simulieren. Und so hielten sie Parlamentswahlen in einem Land ab, das sie Schätzungen zufolge nur etwa zu einem Fünftel kontrollieren. Fünf Jahre nach dem Militärputsch steckt Myanmar in einer tiefen Krise. Die Junta kämpft nicht nur gegen Rebellengruppen unterschiedlicher Volksgruppen, sondern auch gegen Widerstandsgruppen, die mit der demokratischen Opposition zusammenarbeiten.

Zwar wurde der kurz nach dem Putsch ausgerufene Ausnahmezustand im Juli 2025 beendet – doch ein friedlicher Alltag ist für viele der rund 55 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des südostasiatischen Landes in weiterer Ferne. 16,2 Millionen Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen auf Hilfe angewiesen.

Wie stark die landesweiten Konflikte den Alltag beeinflussen, beschreibt eine in Europa lebende Exil-Burmesin Susan mit engem Kontakt nach Myanmar. „In den Städten funktionieren grundlegende Versorgungsleistungen kaum noch“, sagt die 31-Jährige, die wegen Sicherheitsbedenken nur ihren Vornamen nennen möchte, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Zugang zu Strom und sauberem Wasser sei unzuverlässig, Arbeitslosigkeit und Inflation stiegen. „Menschen arbeiten den ganzen Tag und haben am Ende kaum genug Geld für Lebensmittel“, sagt die 31-Jährige. Die Krise sei zum Normalzustand geworden.

Für die Zivilgesellschaft sind es schwierige Zeiten. Repression, Unsicherheit und zuletzt auch massive internationale Mittelkürzungen seien kaum zu kompensieren. Zugleich erlebe sie eine bemerkenswerte Widerstandskraft: „Die Menschen sind erschöpft, aber sie geben nicht auf und machen weiter“, sagt Susan.

Das Militär hatte sich am 1. Februar 2021 unter Min Aung Hlaing an die Macht geputscht und die gewählte Regierung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi abgesetzt. In mehreren Verfahren, die international als politisch motiviert gelten, wurde Suu Kyi zu insgesamt 33 Jahren Haft verurteilt. Seitdem kommt das Land nicht zur Ruhe.

Daran werden auch die Parlamentswahlen nichts ändern, deren dritte und letzte Phase erst vor wenigen Tagen abgeschlossen wurde. Zwar sind die offiziellen Ergebnisse noch nicht verkündet, doch ein Sieg der „Union Solidarity and Development Party“ (USDP), die dem Militär nahesteht, gilt als sicher. Oppositionsparteien waren faktisch ausgeschlossen. Die „Nationale Liga für Demokratie“ (NLD) von Suu Kyi wurde aufgelöst, führende Vertreter sitzen im Gefängnis. In vielen Landesteilen, die von Widerstandsgruppen kontrolliert werden, fanden keine Abstimmungen statt.

Die Vereinten Nationen sprechen von Scheinwahlen. Unterstützung für die Junta kommt hingegen aus China. Peking hat den Militärputsch nie verurteilt und bezeichnete ihn als „größere Regierungsumbildung“. Myanmar ist für China strategisch und wirtschaftlich wichtig – als Rohstofflieferant, Absatzmarkt und Transitland für Öl- und Gaspipelines vom südchinesischen Yunnan bis zum Indischen Ozean sowie den Zugang zu Seltenen Erden.

Parallel zur politischen Inszenierung verschärft die Junta den Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Laut der Menschenrechtsorganisation Fortify Rights nehmen Angriffe auf Schulen, Krankenhäuser, Klöster und Wohnhäuser in den Regionen Sagaing, Magway, Mandalay, Ayeyarwady und Bago zu. Seit Dezember 2024 setzt das Militär dabei neue Mittel ein. Es habe „neue Wege gefunden, Zivilisten aus der Luft zu töten“, sagt Chit Seng von Fortify Rights und verweist auf motorisierte Gleitschirme sowie Tragschrauber, eine Art Mini-Helikopter.

Trotzdem sei das Land nicht dauerhaft zerrissen, sagt die Exil-Burmesin Susan. „Auch wenn Menschen räumlich weit weg sind, bleiben sie innerlich verbunden.“ Die Diaspora unterstütze den Widerstand durch Spenden, politische Lobbyarbeit und Proteste.

In Myanmar hat die Junta derweil laut „Human Rights Watch“ seit dem Putsch schätzungsweise 30.000 Menschen verhaften lassen. Auch wenn kürzlich erneut Gefangene begnadigt wurden, werten Beobachter das als strategisches Manöver, um Kritiker aus dem Ausland zu besänftigen. „Ich freue mich für jede Familie“, sagt Susan. „Aber diese Menschen hätten nie inhaftiert werden dürfen. Und sie sind auch jetzt nicht wirklich frei.“