Ein Pilotprojekt, bei dem alle Fünftklässler ohne Handy sind, wird derzeit im nordrhein-westfälischen Solingen durchgeführt. Auf welchen psychologischen Erfahrungen dies fußt – und warum Eltern ihre Schwächen haben.
Die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich in den vergangenen zehn Jahren rapide verschlechtert – darauf macht der Leiter des psychologischen Dienstes der NRW-Stadt Solingen, Markus Surrey, in der “Süddeutschen Zeitung” aufmerksam. Statistiken zeigten, dass ein hoher Anteil an Schülern Depressionen oder Angststörungen habe. Grund dafür ist laut Surrey das Smartphone. Das Gefühl von Einsamkeit sei eng mit Depressionen verknüpft, und durch Smartphones seien gleichberechtigte, sogenannte Peer-to-Peer-Interaktionen zurückgegangen.
Sobald Kinder ihr erstes Smartphone besitzen, kommen sie nach Worten des Fachmanns über kurz oder lang mit Gewaltinhalten, “Fake News” und Pornografie in Berührung. “Das Durchschnittsalter für den Erstkontakt mit pornografischen Inhalten aus dem Internet liegt in Deutschland bei elf Jahren. Das ist schon gruselig.”
In Solingen läuft derzeit ein Pilotprojekt. Seit diesem Schuljahr müssen mehr als tausend Fünftklässler an allen weiterführenden Schulen der Stadt ihre Smartphones am Schultor abgeben. Sie verzichten zudem darauf, Social-Media-Kanäle zu nutzen, auch zu Hause. Eltern verpflichten sich, schriftlich auf die Einhaltung zu achten.
“Das Projekt soll nicht moralisch daherkommen, aber je jünger ein Mensch ist, umso mehr Verbot oder externale Regulation braucht er. Die Älteren bekommen wir dann eher über die Reflexionsaspekte des Projekts”, erklärte Surrey. Bei den Schülern sei eine große Ambivalenz festzustellen. So habe ihm ein 16-Jähriger, der viel Zeit am Computer verbringe, gesagt, er wünsche sich, seine Mutter würde den Computer aus dem Fenster werfen; aber wenn sie dies täte, würde er sie gleich hinterherwerfen.
Dieselbe Unschlüssigkeit sei auch bei Eltern festzustellen, erläuterte Surrey. Einerseits wollten diese, dass ihre Kinder weniger am Smartphone seien. “Gleichzeitig sind sie froh, dass sie einen Knopf haben, mit dem sie das Kind ausschalten können, wenn es zum Beispiel im Restaurant Ruhe geben soll.” Der Experte fügte hinzu: “Mich nervt es, dass wir immer über die Kinder und Jugendlichen diskutieren, als ob das die einzigen Schuldigen oder die einzigen Handysüchtigen wären.”