Er ist der gute Geist im Kloster Ihlow

Seit fünf Jahren gibt es den Bundesfreiwilligendienst. Obwohl eine Altersgrenze nicht vorgegeben ist, nutzen nur wenige Senioren den Dienst. Einer von ihnen ist Heinke Petersen (65), der in einem Kloster in Niedersachsen arbeitet.

Ihlow. Konzentriert liest Heinke Petersen das Hygrometer ab. Denn die Luftfeuchtigkeit im unterirdischen "Raum der Spurensuche" darf einen bestimmten Wert nicht überschreiten, sonst bildet sich auf den archäologischen Funden Schimmel. Petersen leistet in der Klosterstätte Ihlow bei Aurich seinen Bundesfreiwilligendienst ab. Ungewöhnlich daran: Petersen ist 65 Jahre alt, könnte also sein Dasein als Rentner genießen und die Füße hochlegen. "Aber das bin ich nicht. Ich kann nicht zu Hause auf dem Sofa sitzen und Däumchen drehen."
Nach mehr als 42 Jahren in demselben Betrieb konnte Petersen bereits mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen. Unter den deutschlandweit rund 40.000 "Bufdis" gehört er zu den seltenen "Oldies". Nur einer von Hundert "Bufdis" ist wie Petersen 65 Jahre oder älter. Seit fünf Jahren können sich Frauen und Männer für den Dienst bewerben, sobald sie die Schule beendet haben. Eine Altersgrenze ist nicht vorgesehen.

"Einen Handwerker kann man immer gebrauchen"

An Arbeit mangelt es in der Klosterstätte im Ihlower Forst für den gelernten Tischler und Service-Techniker Petersen nicht. Wo einst im Mittelalter 300 Jahre lang ein gewaltiges Kloster stand, erinnert heute eine bundesweit einmalige Holz-Stahl-Konstruktion an die ehemalige Kirche des 1529 zerstörten Zisterzienser-Klosters "Schola Dei – Schule Gottes". Die sogenannte Imagination nimmt die Bauweise des romano-gotischen Stils der mittelalterlichen Backsteinkirche auf und erreicht mit dem begehbaren Dachreiter eine Höhe von bis zu 45 Metern.
Direkt unter der Anlage befindet sich der frei begehbare "Raum der Spurensuche" mit gewaltigen Säulenfundamenten, Ausstellungsvitrinen und anderen Fundstücken. "Einen Handwerker kann man da immer gebrauchen", sagt Petersen mit einem Schmunzeln. Irgendetwas gibt es immer auszubessern.
"Die Klosterstätte ist mein Hobby und meine Leidenschaft", sagt der 65-Jährige. Er hat stets einen Blick auf die Anlage, legt Flyer aus oder recherchiert weiter im Internet über die Geschichte der Mönche. Oder er holt Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, vom Parkplatz mit seinem großen E-Mobil ab. Die Klosterstätte ist nur über einen rund 900 Meter langen Waldweg zu erreichen, der für private Autos nicht zugelassen ist.
Der agile Senior kennt jedes Detail der Anlage und gehört zum Vorstand des Vereins der Klosterfreunde. Seine Leidenschaft ist zu spüren, wenn Petersen Gruppen über das Gelände führt und über den Zisterzienserorden, die Geschichte des Klosters, die archäologischen Funde – hier wurden ostfriesische Häuptlinge begraben – oder die Rekonstruktion der Kirche spricht. Auf Wunsch natürlich auch auf Plattdeutsch. Wenn er dann mit funkelnden Augen ins Erzählen kommt, erfährt der Besucher viel mehr als in den Flyern zu lesen ist.

BFD – ein völlig neues Format

An genau so etwas müssen die Erfinder des Bundesfreiwilligendienstes gedacht haben. Zum einen sollte der vor fünf Jahren eingeführte neue Dienst den ausgesetzten Wehr- und Zivildienst ersetzen. "Zugleich sollte er aber auch Senioren die Chance geben, ihre Berufs- und Lebenserfahrung zu nutzen und weiterzugeben", sagt Petersen. Dass das nur so wenige seiner Altersgenossen machen, führt er auf den bürokratischen Aufwand zurück. "Viele haben keine Lust auf den Papierkram und arbeiten kostenlos ehrenamtlich irgendwo mit."
Dass der Dienst bislang nur wenige Senioren anlockt, trübt die Fünf-Jahres-Bilanz des Bundesfamilienministeriums nicht. Für die Behörde ist der BFD ein Erfolgsmodell. "Er hat sich in das System der Freiwilligendienste gut eingefügt und stärkt unsere Zivilgesellschaft", teilte ein Sprecher auf Nachfrage mit. "Ergebnisse aus der Evaluation machen zudem deutlich, dass die allermeisten Freiwilligen sehr zufrieden sind." Mit dem Dienst sei ein völlig neues Format innerhalb der Angebote für Ehrenamtler etabliert worden.
Im September endet für Petersen der Bundesfreiwilligendienst. Zunächst hatte er sich für ein Jahr verpflichtet. "Doch die Arbeit hier erfüllt mich so sehr, dass ich noch ein halbes Jahr verlängert habe." Für ihn sei der Dienst eine gute Idee gewesen: "Schade, dass nur so wenige in meinem Alter die Chance nutzen." (epd)