Letzte Mahnwache am Atomkraftwerk Brokdorf

Endlich am Ziel – nach 35 Jahren

Seit 1986 hat Pastor Hans-Günter Werner kaum eine Mahnwache verpasst. Jetzt haben er und die anderen Demonstranten sich zum letzten Mal getroffen. Denn Ende Dezember geht das AKW vom Netz.

Grund zum Jubeln: Die Atomkraft-Gegner können ihre monatliche Mahnwache beenden. Auch Pastor Hans-Günter Werner (2. v.r.) freut sich

von Julia Reiß

Brokdorf. Zum letzten Mal hängt die gelbe Anti-Atomkraft-Fahne vor dem Zufahrtsschild des Atomkraftwerks (AKW) Brokdorf (Schleswig-Holstein). Zum Jahresende soll das Kernkraftwerk vom Netz gehen. Seit August 1986 trafen sich an jedem 6. eines Monats Atomkraft-Gegner zur friedlichen Blockade und später zur Mahnwache vor dem Haupttor. Die 425. Mahnwache ist die letzte gewesen.

Hans-Günter Werner (74) gehört zu den Pastoren und Pastorinnen sowie Kirchenmitarbeitenden, die die Mahnwache 1986 nach der AKW-Katastrophe in Tschernobyl ins Leben riefen. Es sei ihm immer wichtig gewesen, dass der Protest friedlich verläuft. „Wir haben damals versprochen, dass wir kommen, bis das AKW abgeschaltet wird – jetzt ist es endlich so weit“, sagt er glücklich. Werner hat kaum eine Mahnwache verpasst, sogar seine Urlaube plante er nach dem Datum.

Extra aus dem Wendland angereist

In einer kurzen Vorstellungsrunde erzählt eine Teilnehmerin, dass sie mit 16 Jahren an ihrer ersten Demo teilnahm – gegen Atomenergie. Das sei viele Jahrzehnte her, und noch immer sei sie aktiv in der Bewegung und heute extra aus dem Wendland angereist.

Am Gedenkstein erinnern die Demonstranten an die Opfer der Katastrophe von Tschernobyl Foto: Michael Ruff / epd

„Ich war nicht oft dabei, aber ich möchte Euch zeigen, dass ich mich verbunden fühle, darum bin ich heute hier“, sagt eine Frau mit grauem Pferdeschwanz und buntem Schal aus Hamburg. Zum Lied „Trommle, mein Herz“ tanzen die Aktivisten und stapfen im Takt mit den Füßen – auch, um sich aufzuwärmen, denn es sind nur wenige Grad über Null an diesem trockenen, aber windigen 6. Dezember.

Der Hamburger Pastor Karsten Fehrs erzählt, wie er seit 1986 immer wieder an den friedlichen Protesten teilnahm und richtet der Runde herzliche Grüße seiner Frau aus: der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. „Sie wäre heute gern dabei gewesen, ist aber verhindert.“ Ihr, die im benachbarten Dithmarschen aufgewachsen sei, liege es sehr am Herzen, dass die Atomstrom-Produktion in Brokdorf nun endlich ein Ende habe.

Gebet und Gesang

Mirjam Oliva (27) kam als Kind mit ihren Eltern zur Mahnwache und begleitet ihren Vater zu dieser Aktion in Erinnerung an früher. „Ich fand es damals immer aufregend, mit Polizei und so vielen Leute, auch wenn ich gar nicht richtig verstanden habe, worum es geht“, sagt sie. „Aber ich habe dadurch früh gelernt, dass politischer Protest wichtig ist.“

Nach Gebet und Gesang vor dem Haupttor geleitet Werner die Gruppe zum Mahnstein, der etwas abseits am Elbdeich unter einem windschiefen Baum liegt. „Eigentlich hatten wir den vor das Tor gelegt“, erzählt er. Aber die Leitung des AKW habe es für nicht zumutbar für die Belegschaft gehalten, „dass sie täglich dran erinnert wird, was in Tschernobyl passiert ist“.

Nie als Feinde gesehen

Generell sei aber der Kontakt der Protestierenden mit dem Wachpersonal und der Kraftwerksleitung immer in gutem Einvernehmen gewesen, sagt Werner. Sie seien sogar mehrmals auf das Gelände zum Gespräch mit der Leitung oder mit dem Betriebsrat eingeladen worden. „Wir wurden nicht als Feinde angesehen“, so Werner. „Und wir haben immer betont, dass wir nicht gegen die mitarbeitenden Menschen protestieren, sondern gegen die Sache an sich.“

Die Mahnwachen fanden regulär seit 1986 an jedem 6. eines Monats statt – aus Protest gegen die Atomenergie und für die weltweite Abrüstung. Der 6. wurde gewählt, weil am 6. August 1945 Atombomben auf Hiroshima in Japan abgeworfen wurden. Mit dem Datum sollte auf den Zusammenhang von Atomstromproduktion und militärischer Atomwaffennutzung hingewiesen werden. (epd)

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