Eine Kirche als Escape Room

Gar nicht so einfach, die Kirche in Binz auf Rügen zu verlassen. Beim Escape Room, einer Art Kombinationsspiel, brauchen die Mitspielenden schon viel Ausdauer, um die Lösung zu finden.

Wolters sitzt mit den beiden Spielern an einem Tisch
Wolters sitzt mit den beiden Spielern an einem Tisch

Binz auf Rügen. „Escape“ – heißt das nicht Flucht? Dass die Kirche ein Zufluchtsort sein kann, ist bekannt. Aber sind „Escape-Räume“ nicht diese Boxen auf Abenteuerspielplätzen, in die Menschen eingeschlossen werden und sich nur befreien können, indem sie Aufgaben und Rätsel lösen? Eine Kirche als Escape Room: Ist das also ein ausgebuffter Trick der Kirchengemeinde Binz, Menschen hineinzulocken – und sie einfach nicht mehr herauszulassen?

Die Gemeindepädagogin, die die Interessierten an der Kirchentür empfängt, heißt Caroline Walter. „Wir sperren niemanden ein“, versichert sie lachend. „Trauen sie sich ruhig hinein!“

Aus der Computer-Welt

Der Ursprung der sogenannten „Escape Games“, also Flucht-Spiele, liegt in der Computerwelt. Ein Japaner hatte 2004 dieses Konzept für ein Online-Spiel entwickelt: Ziel ist es, einen Ort, an dem man gefangen ist, zu verlassen. Die Idee ging um die Welt und wurde adaptiert. Inzwischen bieten Unternehmen in der realen Welt unzählige Varianten als Gruppenspiel an: Reale Personen müssen in einer vorgegebenen Zeit Aufgaben oder Rätsel lösen, um das Spiel zu meistern. Schlüssel finden, Codes knacken, Geheimnissen auf die Spur kommen.

Das Geheimnis des sonderbaren Wunders

Zwei Stunden Zeit sollen die Mitspielenden in Binz mitbringen. An diesem Spätsommertag sind es nur drei, die mitmachen wollen. „Wir waren aber auch schon zehn“, erzählt Caroline Walter. Das Angebot ist neu, muss sich erst herumsprechen, oder das Wetter zieht an den Strand. Egal. Wer da ist, kann losrätseln. Caroline Walter leitet das Spiel. „Findet das Geheimnis des sonderbaren Wunders! Das ist eure Aufgabe“, verkündet sie und weist auf das große Schiff der neugotischen Kirche auf dem Hügel.

Spürsinn ist gefragt Foto: Privat
Spürsinn ist gefragt Foto: Privat

Eine fieberhafte Suche beginnt. Kleine Zettel in Ritzen und Mauerspalten kommen zum Vorschein, Zahlen darauf, Buchstaben, kurze Bibelsequenzen, auch eine Box ist versteckt. Verschlossen. Leider. Wie an den Schlüssel kommen? Ach, und da eine weitere Box. Nach zehn Minuten haben sich auch Streichhölzer, Schere, Kerze und Lupe angefunden – und eine detektivische „Das-hat-sicher-alles-etwas-zu-bedeuten!“-Spannung liegt in der Luft.

Katholikin hatte die Idee

Dass auch eine Kirche so ein Spiel-Raum sein kann und die Bibel Ausgangspunkt für knifflige Fragen – auf diese Idee kam die katholische Tourismusreferentin Marion von Brechan und begeisterte ihre evangelische Kollegin Caroline Walter schnell. So wurde der „Escape Room Kirche Binz“ ein ökumenisches Freizeitangebot, für Einheimische und Urlauber gleichermaßen.

„Denke logisch, hab‘ Ausdauer und sei pfiffig“, lautet die Mission für die Knobelnden, die sich inzwischen am Rätseltisch niedergelassen haben. Ein katholischer Pastor aus dem Saarland ist dabei, der in Binz Urlaub macht. Gekonnt jongliert er mit Code-Tabellen: „ROT 13 ist der Übersetzungcode“, stellt er fest. Drei unterschiedliche Bibelübersetzungen machen die Runde. „Wir müssen den genauen Wortlaut herausfinden“, meint ein Mitspieler, der aus Greifswald angereist ist.

Sagenhaft schnell

Nach den zwei Stunden ist das Codeknacken noch in vollem Gange – doch niemand denkt ans Aufgeben. Buchstabenlisten werden aneinandergelegt, verschoben, zerschnitten, neu zusammengefügt. „Sie sind auf der richtigen Spur“, ermuntert Walter und freut sich über die Begeisterung der diesmal erwachsenen Spieler.

Dass dieses Tüfteln gemeinschaftsstiftend ist, hat sie schon oft beobachtet in dieser ersten Saison mit dem kirchlichen Esape Room. „Einige Jugendliche sind sagenhaft schnell“, erzählt sie. Doch Geduld braucht dieses Spiel, das die Frauen mithilfe des Buches „Der geheimnisvolle Raum: 7 Live Escape Games zur Bibel“ von Ingo Möller konzipiert haben. Auch Schulklassen oder Konfirmandengruppen können das Angebot nutzen. Oder Familien mit größeren Kindern.

Die Freude ist groß, als das Rätsel gelöst ist. „Eine kleine Reise durchs Kirchenjahr war das“, sagt eine Mitspielerin aus Greifswald gut gelaunt. „Wir haben erst gesucht, wie zu Ostern. Der Geist kam über uns, wie zu Pfingsten, und am Schluss wurden zwei Worte geboren wie zu Weihnachten.“