Iranische Familie ist nach Deutschland geflohen und konvertiert

Ein neues Zuhause

Roja K. lebt mit ihrer Familie in einer Asylunterkunft in Mecklenburg. Die Iranerin und ihr Ehemann sind zum Christentum konvertiert und engagieren sich in der Kirchen­gemeinde. Dort möchten sie sich nun bedanken – mit einer Spendenaktion.

Roja K. und Amirhossein G. in der Jürgenstorfer Kirche

von Sophie Ludewig

Jürgenstorf. Mundschutzmasken zu nähen ist für die gelernte Schneiderin Roja K. ein Kinderspiel. Mithilfe einer geborgten Nähmaschine hat sie zahlreiche Masken hergestellt – zunächst für die anderen Bewohner der Asylunterkunft in Jürgens­torf. Doch weil ihr das Nähen so schnell von der Hand geht, produziert die Iranerin noch mehr Masken, die sie an eine Apotheke in Stavenhagen verkauft.

Das Geld, das dadurch zusammenkommt, möchte sie an die Kirchengemeinde Stavenhagen spenden. Pastor Kristian Herrmann ist begeistert: „Als ich davon erfuhr, habe ich mich total gefreut. Das zeigt einmal mehr, wie sehr Roja unsere Gemeinde am Herzen liegt.“

Für die 40-Jährige und ihren Mann Amirhossein G. ist die Gemeinde zu einem Zuhause geworden. Vor zwei Jahren kamen sie aus Teheran nach Deutschland – auf der Suche nach einem besseren Leben für ihre beiden Kinder und einem Umfeld, in dem sie ihren christlichen Glauben frei leben können. Zum Islam hatten sie in ihrer Heimat keine enge Verbindung, erzählt der Computerspezialist Amirhossein G.: „Viele Iraner sind nur auf dem Papier Muslime, weil man es eben sein muss. Sie leben ihren Glauben kaum.“

Nie an Gott gezweifelt

Daran, dass es einen Gott gibt, hätten sie zwar nie gezweifelt, aber wie dieser Gott sei und wie er zu den Menschen stehe, habe sie lange beschäftigt. „Das Gottesbild, das uns vermittelt wurde, war angst­einflößend. Überhaupt haben wir den Islam als sehr streng erlebt, immerzu ging es nur um Verbote“, führt Roja K. aus. Der Kontakt zu armenischen Christen habe sie in ihrer Suche nach einer anderen Glaubensform bestärkt, doch offen über einen Religionswechsel nachzudenken, wäre im Iran sehr gefährlich geworden. In Deutschland, so hofften sie, sei das ganz anders.

Pastor Kristian Herrmann Foto: Sophie Ludewig

Sobald sie ihr Fluchtziel erreicht hatten, nahmen sie Kontakt zu einer Kirchengemeinde auf, schrieben sich in einen Taufkurs ein und bekamen ihre erste Bibel in persischer Sprache. Der Taufgottesdienst im Januar 2019 in Lauenburg/Elbe war ein Höhepunkt und gleichzeitig nur ein Schritt auf einem langen Weg. „Wir haben ja so viel nachzuholen, müssen noch so viel über unseren neuen Glauben lernen“, sagt Roja K.

Asylantrag abgelehnt

Ihren beiden Söhnen wollen sie die Entscheidung zur Taufe selbst überlassen. „Diese Freiheit, die eigene Religion selbst zu wählen, hätten sie im Iran nicht gehabt.“ Das Wort Freiheit verbinden die Iranerin und ihr Mann auch mit ihrem neuen Glauben: „Im Christentum wird betont, dass Gott die Menschen liebt und ihnen vergibt. Das gibt uns Hoffnung und macht uns glücklich.“

Umso besorgter macht sie, dass sie möglicherweise bald in den Iran zurück müssen. Ihr Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Wegen Corona gilt derzeit ein Abschiebestopp. Diese Zeit will die Gemeinde nutzen: „Wir werden uns noch einmal mit dem Flüchtlingsbeauftragten des Kirchenkreises beraten“, sagt Pastor Herrmann „Wenn sie als konvertierte Christen zurück in den Iran gehen, wäre das verheerend für sie.“

Frei von Dogmatismus

Die Geschichte der beiden geht Kristian Herrmann nah. „Als sie mir erzählt haben, wie sie zum Glauben gefunden haben, hat mich das an meine eigene Lebensgeschichte erinnert. Auch ich habe mich erst relativ spät taufen lassen“, erzählt der 30-Jährige. Auf dem Gymnasium habe er eine fantastische Religionslehrerin erlebt, die ihm frei von jedem Dogmatismus nahebrachte, wie der Glaube im Leben tragen kann.

Nach einem Taufkurs in der Neubrandenburger Johannisgemeinde entschied Herrmann sich mit 18 Jahren für ein Leben mit Gott. „Ein wichtiger Grund für das Theologiestudium ist auch gewesen, dass ich mehr über den christlichen Glauben lernen wollte.“ Am Ende ins Pfarramt zu gehen, sei gar nicht sein Ziel gewesen. „Aber durch die Praktika und das Vikariat ist mir nach und nach klar geworden: Das ist genau mein Ding. Es fühlt sich einfach richtig an.“

Seit 1. Februar betreut er seine erste eigene Gemeinde in Stavenhagen. Dass der direkte Kontakt zu den Gemeindemitgliedern wegen der Corona-Maßnahmen nur schwierig zu gestalten ist, belaste ihn sehr. „Ich habe besonders die Gottesdienste vermisst. Das gemeinsame Beten und Singen ist auch für meine eigene Spiritualität total wichtig.“

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