Einsichten – die christliche Kolumne

Ein Neubeginn

Über das Säen und ein Gemälde von van Gogh schreibt Sabine Kaiser-Reis. Sie ist Pastorin der Kirchengemeinde Harburg-Mitte.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf … anderes fiel auf das gute Land.“ aus Lukas 8, 4-15

Höre ich vom Sämann, habe ich den Sämann des Malers van Gogh vor Augen. Ein bekanntes Gleichnis und ein berühmtes Gemälde. Sie sind sicher nicht nur in meinem Gedächtnis miteinander verknüpft.

Vor der untergehenden Sonne ist ein Mann bei der Arbeit auf dem Feld zu sehen. Mit Bedacht streut er Samen aus, die er aus der umgehängten Tasche holt. Schaut er den Körnern hinterher? Wo fallen sie hin, was wird aus ihnen?

Manche fallen auf den Weg, andere ins Gestrüpp oder auf guten Boden. Es ist wie im Leben: Du gibst dir alle Mühe und dann geht etwas doch daneben, nicht alles erreicht sein Ziel. In unserer auf Effizienz ausgerichteten Zeit ist diese Einsicht für manche sicher (fast) unerträglich. Der Sämann dagegen weiß: Er hat sie aus der Hand gegeben und braucht nun Geduld. Die Körner reifen, wenn es Zeit ist und sie genug Sonne, Regen und Bodennahrung bekommen. Bei Letzteren hilft der moderne Landwirt gern mit Dünger oder optimierter Bodenbewässerung nach.

An unwahrscheinlichen Orten

Aber auch er wird die Samen nicht wieder zusammensammeln, die auf den Weg, auf Felsen oder unter Dornen gefallen sind. Und so passiert es, wie im Gleichnis beschrieben: Manche treten sich fest, dienen Vögeln zur Speise, vertrocknen oder werden von Gestrüpp überwuchert. Erstaunlicherweise ist es aber nicht zwangsläufig immer so. Das können wir auf Industriebrachen sehen, auf Straßen mit rissigen Asphaltflächen, an ungepflegten Gebäuden oder in Bruchsteinmauern: Die Saat geht mancherorts unvermutet doch auf, Pflanzen wachsen auch an unwahrscheinlichen Orten.

Der bibelfeste Maler hatte sicher das Gleichnis im Sinn. Mit dem Bauern verglich er sich selbst: einer, der immer wieder neu beginnt – mit jedem neuen Bild, und die strahlende gelbe Sonne symbolisierte für ihn die göttliche Anwesenheit. Ein schöner Gedanke: Das Bild ist van Goghs Auslegung des Gleichnisses mit Farben und Formen statt mit Worten.

Unser Autorin
Sabine Kaiser-Reis ist Pastorin der Kirchengemeinde Harburg-Mitte.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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