Sönke Preck erforscht die Geschichte von Gudholm

Ein Kloster für kurze Zeit

Sie feierten Zechgelage: Weil Mönche aus Schleswig zu heftig feierten, sollten sie 1911 aus der Stadt verbannt werden – und in ein neues Kloster ziehen. Doch das währte nicht lange.

Eine Stein­s­kulptur direkt am Langsee. Am See stand einst das Kloster

von Thorge Rühmann

Schleswig. „Unser Abt liegt tot in der Taverne.“ Dieser eine Satz eines neidischen Mönchs könnte der Grund dafür gewesen sein, dass im Mittelalter das Kloster Guldholm, gelegen auf einer Halbinsel im Langsee zwischen Schleswig und Flensburg, entstand. Knapp 20 Jahre später wurde es wieder aufgegeben. Heute sind dort nicht einmal mehr Ruinen zu sehen – doch um das Schicksal des Klosters ranken sich Legenden.

Der Ausruf des Mönchs ist überliefert aus einer alten dänischen Chronik, die die Zustände im Benediktiner-Kloster St. Michaelis in Schleswig im ausgehenden 12. Jahrhundert schildert. „In einer Nacht ging der Abt jenes Klosters mit einigen Mönchen aus. Sie betraten ein Wirtshaus und gaben sich dort weniger anständig als sich ziemte einem fröhlichen Zechgelage und Besäufnis hin zusammen mit Weibern“, schreibt der Chronist.

Bischof griff durch

Nur ein Mönch musste zurückbleiben, um Wache zu halten. Darüber empört, soll er den Abt für tot erklärt und die Totenglocke geläutet haben. Der Aufruhr, der folgte, machte das ausschweifende Leben der Brüder und Nonnen weithin bekannt: Bischof Waldemar, in dessen Machtbereich das Kloster lag, griff durch und verlagerte es kurzerhand aus der sündigen Stadt heraus in die Abgeschiedenheit am Langsee, etwa sechs Kilometer von Schleswig entfernt, auf dass wieder mehr Buße und Demut einkehre.

Die Abtei im dänischen Esrom war Mutterkloster von Guldholm Foto: Privat

Diese Legende sei allerdings nur eine mögliche Erklärung, warum die Benediktiner-Mönche im Jahr 1191 St. Michaelis verließen und Guldholm aufbauten, sagt Sönke Preck. Der 55-Jährige hat sich seit 2005 intensiv mit der Historie des Klosters beschäftigt. Wahrscheinlicher sei, dass der Bischof mit dem neuen Kloster auf seinen Ländereien auch handfeste wirtschaftliche und machtpolitische Interessen verfolgte: Die Mönche aus Schleswig brauchte er dazu, das Land urbar zu machen und zu bewirtschaften.

Dazu holte Waldemar Zister­zienser aus dem dänischen Esrom, die in Guldholm die dekadenten Benediktiner-Brüder anleiten und zurück zum „Ora et labora“ führen sollten, schildert Preck, der mit seiner Familie in Marburg lebt und immer wieder zum Ausruhen an den Langsee kommt . „Das Arbeiten hatte damals wohl einen wesentlich größeren Stellenwert als heute. Die Mönche waren gezwungen, ihr Brot selbst zu erarbeiten.“

Aus dem Altdänischen übersetzt

Wie mag es auf Guldholm ausgesehen haben? Aufgrund historischer Quellen, in denen er dem Kloster auf der „Aurea Insula“, der Goldinsel, bis ins 18. Jahrhundert nachgespürt hat, vermutet der Hobbyforscher, dass dort ein kleinerer Gebäudekomplex von vielleicht 50 mal 40 Metern errichtet worden war, aus Mauersteinen erbaut, „mit Wohn- und Beträumen und sicherlich mit einem Klostergarten, in dem die Mönche ihr eigenes Gemüse und ihre Arznei-Kräuter angepflanzt und geerntet haben“.

Bei seinen Recherchen muss Preck immer wieder Texte in altdänischer Sprache übersetzen – eine große Herausforderung, bei der er sich über Unterstützung freuen würde. Andererseits gebe es auch Verbesserungen, schildert er: „Vor elf Jahren war es sehr schwierig, an entsprechende alte Texte heranzukommen“, sagt er. „Heute ist vieles digitalisiert und lässt sich über das Internet abrufen.“ Weil es dennoch wenige Anhaltspunkte gebe, an denen man sich orientieren könne, bleibe vieles rund um das Kloster spekulativ.

Quellenstudium im Langsee: Sönke Preck recherchiert seit 2005 zu Guldholm Foto: Privat

Fest steht zumindest, dass das Kloster auf der „Goldinsel“ 1210 aufgegeben wurde – und die Mönche entweder zurück ins Michaelis-Kloster nach Schleswig oder ins neu eingeweihte Rude-Kloster in Glücksburg gingen. Warum das Kloster so kurz nach der Gründung bereits wieder verlassen wurde, sei bisher noch völlig unklar, so Preck. Oft erwähnt sei in historischen Schriften eine „feuchte, ungünstige Lage“ – doch dieses Argument hält er für falsch, möglicherweise wurde es erst später eingebracht.

„Jemand müsste Feuer fangen“

Archäologisch sei in Guldholm nur wenig untersucht worden, etwa 1985, als Fundamentreste entdeckt wurden. „Aber es war sicherlich nicht eine systematische Untersuchung, wie man sie heute durchführen würde“, sagt er: „Meine Hoffnung ist, dass heute jemand Feuer fängt an den Universitäten. Ich glaube, man könnte mit dem Einsatz eines Bodenradars oder einer gezielten Grabung noch vieles über das Kloster herausfinden.“

Keine Ruinen

Viele der behauenen Steine Guldholms seien an anderen Orten weiterverwendet worden, was das Fehlen von Ruinen erklären würde. So existiere bis heute ein Steinblock des vormaligen Klosters, in den eine „Teufelskralle“ gehauen wurde, auf einem Bauernhof im Süden des Langsees.

Heute wächst auf der Halbinsel selbst ein kleiner Wald, unterbrochen von Lichtungen. Ruinen und Wälle, die darauf schließen lassen, dass hier vor Jahrhunderten einmal Mönche beteten, lassen sich nicht mehr erahnen. Doch für Preck ist es ein besonderer Ort, still und abgeschieden, voller Frieden und spiritueller Kraft. „Die Existenz des Klosters Guldholm war kurz, aber auch extrem intensiv und voller Begebenheiten. Hier stehen 18 Jahre im Verhältnis zu 800 Jahren, die seither vergangen sind. Das ist wie ein winziger Lichtpunkt am Sternenhimmel: scheinbar unbedeutend und doch hell leuchtend“, schwärmt er. „In einer Zeit, in der das Interesse an Vergangenheit und Geschichte von den Bedürfnissen der Gegenwart lautstark übertönt wird, bekommen die Legenden und Anekdoten von damals einen neuen Sinn.“

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