Helgoländer Singwoche steigt im Januar

Ein Kanon für den roten Felsen

Kantor Gerald Drebes ist der einzige hauptberufliche Musiker Helgolands. Er schlägt Alarm: Die Insulaner singen zu selten. Im Januar sollen sie ihren Wohlklang finden.

Kantor Gerald Drebes vor der Langen Anna, dem Wahrzeichen Helgolands

von Catharina Volkert

Helgoland. „Fürs Singen ist die Nordseeluft sehr gut“, meint Gerald Drebes. Mit diesem Satz lockt er professionelle Sänger auf die Insel. Doch unter den Helgoländern selbst erhebt kaum jemand regelmäßig seine Stimme: Diesen Notstand möchte er ändern – mit der „Helgoländer Singwoche“ im Januar 2020. „Die Woche richtet sich an alle zwischen 3 und 80 Jahren“, sagt er. „Insulaner und Gäste sollen dann gemeinsam singen.“

Drebes lebt seit 2017 auf Helgoland. „Ich bin der einzige Berufsmusiker der Insel“, erzählt der Kantor der Kirchengemeinde Helgoland, dessen Stelle zuvor lange vakant war. An der örtlichen James-Krüss-Schule gibt es keinen Musiklehrer für die 80 Inselkinder.

Mit der „Helgoländer Singwoche“ möchte er erreichen, dass die jüngsten Inselbewohner ihre Stimmen kennenlernen. Drebes will in dieser Woche täglich die evangelische Kita besuchen, um mit den Kindern zu singen. Und auch die Schüler, die normalerweise keinen Musikunterricht haben, sollen singen – unter der Leitung des Kammersängers Martin Petzold.

Kammersänger unterrichtet Schüler

Petzold ist Stimmbildner und Solist beim Thomanerchor Leipzig. Der Pastorensohn sei „sehr engagiert“ in Bezug auf derartige Projekte, so Drebes. Der Sänger werde zudem täglich mit den Teilnehmern der Singwoche arbeiten, auch in Kleingruppen könne der Unterricht stattfinden, verspricht der Kantor. Sowohl weltliche als auch geistliche Chormusik hat er für die Singwoche ausgewählt.

Mit dieser Karikatur wird für die Helgoländer Singwoche geworben Zeichnung: Martin Petzold

Gerald Drebes hat aus der Not der wenigen Inselstimmen längst eine Tugend gemacht. „Ich beziehe den Tourismus gerne mit in meine Chorarbeit ein“, sagt er. Andere Kirchenmusiker erreichen die Leute aus dem Umland.“ Das funktioniert auf der Insel nicht; so müsse er sein Amt „teilweise neu erfinden“, schildert Drebes seinen Alltag auf der 1500-Seelen-Insel. Die Lösung des Problems sieht er in den Touristen: Die Chorproben sind offen – so können jederzeit Gäste an jedem Dienstagabend zum Singen ins Gemeindehaus kommen. „Taizé-Lieder, einfache Gospels und swingende Kanons“ werden dann geübt. Manchmal kommen drei Teilnehmer zur Probe, manchmal treffen sich 25 oder mehr. Neben dem Kirchenchor gibt es zwei Männer-Shantychöre auf der Insel.

Winterstürme eingeplant

„Man braucht zum mehrstimmigen Singen eine kritische Masse“, erklärt der Musiker. Ungeübte orientieren sich dann an sicheren Stimmen. Da es auch an der Mehrstimmigkeit oft hapert, hat sich Drebes noch etwas einfallen lassen: Kanons. Eine „Helgoländer Kanon-Messe“ soll in der Singwoche uraufgeführt werden und damit Einzug in die Insel-Chorliteratur erhalten. Uli Führe hat sie eigens für die Sänger vom roten Felsen geschrieben. Führe, Komponist und Musikpädagoge aus Freiburg, hatte beim Komponieren seiner Messe „ganz normale Leute mit der besonderen Besucherüberschwemmung tagsüber“ vor Augen. „Abends ist dann Ruhe auf der Insel. Nur noch ein paar Hoteltouristen in den Kneipen“, skizziert er sein Bild. Er selbst war 1957 als Zehnjähriger auf Helgoland. „Meiner Mutter war auf der Überfahrt schlecht, weil es mächtig schaukelte. Mich störte das nicht. Ich lief auf dem Schiff herum und fand den Wind und die Wellen großartig“, erinnert er sich.

Verzögerungen durch Winterstürme hat Drebes bereits eingeplant in die Singwoche: „Wir starten am Montag nachmittags mit einem schleichenden Beginn“, sagt er. Sollten Schiffe aufgrund der Witterung nicht am Festland ablegen, kann das Singen auch am Dienstag beginnen.

Info
Die Singwoche findet vom 13. bis zum 19. Januar 2020 statt, die Kursgebühr für die Kernzeit von 19 bis 22 Uhr beträgt 100 Euro. Mehr Informationen gibt es im Internet auf der Seite www.kirchenmusik-helgoland.de sowie unter Telefon 0159/0133 69 17.

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