Ein Frachtkahn wird zum Gotteshaus

Sie ist Deutschlands einzige schwimmende Kirche: Am zweiten Advent wird die „Flusi“ 70 Jahre alt. Gefeiert wird mit Gottesdienst und Konzert.

Kahn im Hafen mit der Aufschrift „Flussschifferkirche Hamburg“
Kahn im Hafen mit der Aufschrift „Flussschifferkirche Hamburg“Philipp Reiss

Hamburg. Es wird groß gefeiert: Am zweiten Advent (4. Dezember) feiert die Hamburger Flussschifferkirche runden Geburtstag – mit Gottesdienst, Empfang und Konzert. Einen Motor hat der 1906 erbaute einstige Frachtkahn bis heute nicht, stattdessen verfügt das Schiff über Kreuz, Kirchenfenster, Altar und Orgel. Wollen Mitarbeitende wie Manfred Jahnke und Mark Möller zu den Binnenschiffern rausfahren, dann nehmen sie die Barkasse „Johann Hinrich Wichern“.

„Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen können, muss die Kirche zu den Menschen kommen.“ So lautete das Motto des Hamburger Theologen Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der als Begründer der Diakonie gilt und 1870 die Binnenschifferseelsorge gründete. Jahnke kennt die Hintergründe: Die Menschen, die im Hafen auf den Binnenschiffen arbeiteten, „hatten kaum die Möglichkeit, zu einem Gottesdienst zu kommen“. Daher sei damals beschlossen worden, sie durch „aufsuchende Seelsorge“ zu betreuen. Und so entsandte Wichern 1873 den ersten Hafenmissionar zu den Binnenschiffern. Heute ist Jahnke, der lange dem Vorstand des Fördervereins der Flussschifferkirche angehörte, einer dieser aufsuchenden Seelsorger.

Ein Ort zum Sammeln

Trotz der Fahrten zu den Binnenschiffern: Die damaligen Seelsorger hätten schnell gemerkt, dass es zusätzlich „einen Ort braucht, wo man sich sammeln kann“, so Jahnke. Anfang der 1950er-Jahre „kam die Möglichkeit, dieses Schiff umzubauen und zu einer schwimmenden Kirche auszubauen.“ So wurde aus dem Frachtkahn ein Gotteshaus. Am 7. Dezember 1952, dem zweiten Advent jenes Jahres, weihte der damalige Landesbischof Simon Schöffel die Flussschifferkirche.

Zum Kirchentag 2009 schipperte die „Flusi“ mit einem Schlepper nach Bremen Foto: epd-bild / Hanno Gutmann
Zum Kirchentag 2009 schipperte die „Flusi“ mit einem Schlepper nach Bremen Foto: epd-bild / Hanno Gutmann© epd-bild /Hanno Gutmann

Die „Flusi“ lag zunächst im Marktkanal, dann im Müggenburger Zollhafen auf der Veddel, später in der Billwerder Bucht in Rothenburgsort, seit 2006 ist sie im Binnenhafen vor der Speicherstadt zu Hause. Sonntags um 15 Uhr lädt sie zum Gottesdienst. Lange war sie eine eigene Kirchengemeinde, bis der damalige Kirchenkreis Alt-Hamburg sie 2007 aufgrund hoher Defizite an den 1998 gegründeten Förderverein übergab.


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Neben Hamburgerinnen und Hamburgern sind es „viele Touristinnen und Touristen, auch aus dem Ausland, die hierherkommen“, berichtet Diakon Möller. Sie alle erfahren von den ehrenamtlich Mitarbeitenden der „Flusi“, dass „der Hafen nicht nur ein Wirtschaftsraum ist, sondern dass sich da auch Menschen bewegen“, so Möller.

Es schaukelt und ruckelt

Fahren Seelsorger mit der Barkasse „Johann Hinrich Wichern“ zu den Binnenschiffern, dann sind diese in der Regel „sehr froh, dass wir kommen und dass sie einmal gesehen werden“, sagt Möller. Es böten sich ihnen 20 bis 30 Minuten Auszeit, in denen es nicht ums Geschäftliche gehe und in denen sie mit anderen Menschen als immer nur mit ihren Kollegen ins Gespräch kämen.

Wer die Flussschifferkirche schon einmal besucht hat, wird das gute Gefühl kennen, das Möller so beschreibt: „Es schaukelt manchmal, es ruckelt, aber man ist getragen.“ Noch etwas mehr mag es schaukeln, wenn sich die „Flusi“ trotz fehlenden Motors auf große Fahrt macht: 2009 wurde sie zum Kirchentag nach Bremen, 2017 zum Kirchentag nach Magdeburg geschleppt.

Von Seminaren bis Hochzeiten

Wer möchte, kann auf der Flussschifferkirche heiraten oder sich taufen lassen. Sogar Seminare lassen sich auf ihr abhalten. „Das ist einfach ein super Ort, um mittendrin im Hafen zu sein“, sagt Möller und betont, dass die „Flusi“ nur existieren könne, „weil es hier viele Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren“.

Am zweiten Advent wird jetzt also gefeiert. Den um 15 Uhr beginnenden Gottesdienst hält der ehemalige Hauptpastor Helge Adolphsen. Gegen 16 Uhr startet der Empfang auf dem Ponton. Um 18 Uhr gibt Jessy Martens an Bord der Flussschifferkirche ein Jubiläumskonzert. Für den Gottesdienst wäre es laut Möller hilfreich, wenn die Teilnehmenden sich vorab im Büro anmelden würden, entweder unter Tel. 040/783688) oder per E-Mail unter info@flussschifferkirche.de. „So können wir sicherstellen, dass genug Plätze da sind.“ Für das Konzert brauche es keine Anmeldung, da gelte das Motto: „Wenn voll ist, ist voll.“ (epd)