Ein Durchbruch

Ein lange erbittert geführter Konflikt steuert auf seine Lösung zu: Ein neues Zukunftskonzept für den historischen Standort der Potsdamer Garnison­kirche erhält von vielen Seiten Zuspruch. Darüber sprach ­Constance Bürger mit dem EKBO-Länderbeauftragten Martin Vogel, der sich im Ehrenamt als Theologischer Vorstand der Stiftung ­Garnisonkirche für das Projekt engagiert.

Herr Vogel, endlich gibt es eine zukunftsträchtige Lösungsidee für das Areal rund um die Garnisonkirche. Wie erleichtert sind Sie?

Tatsächlich existiert nun ein neuer Vorschlag, der zu einer guten Lösung für Potsdam führen kann. 

Auf der südlichen Potsdamer Plantage könnte ein gemeinsames Forum entstehen, auf dem drei Perspektiven zusammenrücken. Neben dem im Aufbau befindlichen Turm der Garnisonkirche als einem Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit könnte auf der früheren Fläche des Kirchenschiffs ein „Haus der Demokratie“ entstehen. Hier kann das Stadtparlament der Landeshauptstadt seinen Sitz erhalten. Gleichzeitig wird ­gerade geprüft, ob der noch vorhandene Teil des Rechenzentrums, in dem Künstler und Kreative eine temporäre Heimat gefunden haben, ­anders als bisher geplant weitgehend erhalten bleiben könnte. Das fordern Gruppen in der Stadt, die die DDR-­Architektur bewahren wollen.

Wie schätzen Sie den Kompromissvorschlag als Vertreter der Stiftung Garnisonkirche ein?

Ich begrüße es sehr, dass die Stadt erwägt, mit ihrem Plenarsaal zukünftig an diesen Ort zu gehen. Da es ­ohnehin eine neue Heimat für das Stadtparlament braucht, ist das eine echte Chance. Die Stiftung Garnisonkirche prüft, ob und unter welchen Rahmenbedingungen sie das Grundstück des ehemaligen Kirchenschiffs dafür zur Verfügung stellen kann. Und die Kreativen im Rechenzentrum wissen, dass sie selbst bei einem beabsichtigten weitgehenden Erhalt das DDR-Gebäude für die Phase der Sanierung verlassen müssten. Aber gemeinsam kann dort ein starkes Forum für das demokratische und vielfältige Potsdam entstehen. 

Wie kam es zu dem Kompromissvorschlag?

Es gab auf Einladung der Stadt einen vom Hasso-Plattner-Institut koordinierten „Design-Thinking-­Prozess“, an dem die Landeshauptstadt, die Nutzer aus dem Rechen­zentrum und unsere Stiftung beteiligt waren. Das war erst zäh und nicht ­sofort ertragreich, aber am Ende sind gute Impulse entstanden, aus denen sich die Chance einer gemeinsamen Perspektive ergab. Das war echte ­Dialogarbeit.

Wie will sich die Stiftung zukünftig auf dem „Forum an der Plantage“ einbringen?

Der Garnisonkirchenturm soll ein offenes Haus für Gäste, Touristen und Passanten sein. Unser Nutzungs­konzept sieht vor, dass wir an die Schmerzpunkte der Geschichte des Ortes erinnern wollen, um aus ihnen zu lernen. Also: Was bedeutet es ­gegenwärtig und zukünftig, Verantwortung für Rechtsstaatlichkeit, ­Demokratie, Freiheit und Klimaschutz zu übernehmen? Und wir möchten natürlich in unserer Nagelkreuzkapelle den Ruf zu Frieden und Versöhnung hörbar werden lassen und dafür beten und arbeiten.

Ein wiederaufgebautes Kirchenschiff soll es laut dem Konzept nicht geben. Wie schätzen Sie diese Entscheidung ein? 

Die Stiftung hat immer gesagt, dass wir uns zunächst auf den Turm konzentrieren wollen. Und für alle Ideen zum Kirchenschiff war klar, dass es erst eine überzeugende Konzeption braucht, bevor dann dazu eine geeignete architektonische Form gefunden werden kann. Jetzt haben wir eine inspirierende Idee verbunden mit Realisierungschancen. Dazu wird unser Kuratorium beraten.

Wie sind die Reaktionen dazu bisher in der Öffentlichkeit?

Es gibt sehr viel Zustimmung und positive Reaktionen. Aber gleichzeitig höre ich noch viele Fragen und auch Kritik von denjenigen, die ein weitgehend originales Kirchenschiff erhofft haben. Es werden sicher noch viele Gespräche geführt werden müssen.

Wie sehen die nächsten Schritte aus? 

Die Landeshauptstadt wird sich in ihren Gremien mit der Idee beschäftigen, viele Einzelfragen beraten und am Ende eine Entscheidung treffen. Ebenso werden wir in unseren ­Gremien das Vorhaben erörtern und die Voraussetzungen für dessen ­Verwirklichung prüfen.

Wie weit sind die Bauarbeiten am Turm?

Anfang 2019 wurden symbolisch die ersten sieben Ziegelsteine in ­Gegenwart von Frau von Weizsäcker auf der Bodenplatte aufgemauert. ­Inzwischen sind die Maurerarbeiten auf Höhe der zukünftigen Aussichtsplattform angekommen. Damit ­bewegt sich ein wichtiger Teil der Rohbauarbeiten auf einen finalen Punkt zu. Der Turm ist inzwischen wieder ins Stadtbild zurückgekehrt. Und er soll werden, was er früher so nicht war – nämlich ein Ort der ­Friedens- und Versöhnungsarbeit.