Ein Blick hinter die Kirchen-Kulissen

Die Weitblick-Touren der Familienbildungsstelle Hamburg-Eppendorf machen verborgene Geschichten sichtbar, und das seit 20 Jahren.

Hamburg. „Wir stehen jetzt hier vor dem Gemeindehaus der Apostelkirche“, sagt Isgard Rhein. Rhein führt eine Gruppe durch den Stadtteil Eimsbüttel – im Rahmen einer Weitblick-Tour. 20 Jahre gibt es diese Führungen der Familienbildungsstätte Eppendorf bereits: Sie finden immer freitags und sonnabends zwischen 14 und 16 Uhr statt und führen zu Kirchen und kirchlichen Orten in den Hamburger Bezirken. Wer mitlaufen möchte, kommt zum jeweiligen Treffpunkt und zahlt die Teilnahmegebühr an Rhein oder ihre Kollegen Katrin Peter-Bösenberg und Stephan Feige. Zum Jubiläum stehen die Touren unter dem Motto der Jahreslosung „Suche Frieden und jage ihm nach“ und führen zu vielen Friedens- und Gedenkorte.

Der Name bezieht sich auf den weiten Blick, den man von einem Kirchturm hat, wenn auch nicht jede Tour auf eine Turmspitze führt. „Aber wenn es einen Turm gibt, besteigen wir ihn“, sagt Rhein. Angefangen haben sie und ihre Kollegin Peter-Bösenberg mit der Idee, dass „Kirche“ nicht nur ein Gebäude ist, sondern auch die Arbeit, die dort gemacht wird. Diese und die Geschichten, die zum Stadtteil gehören, wollten sie sichtbar machen.

Mord im Kirchen-Keller

Wer heute durch Eimsbüttel läuft, sieht etwa ein beliebtes Wohnviertel, in dem junge Familien und Studenten über die Osterstraße flanieren. Doch 1973 wurde im Partykeller der Apostelkirche ein Mord begangen: Rocker töteten einen jungen Mann. „Das heißt, kirchliche Arbeit war hier auch eine große Herausforderung“, erklärt Rhein.

Für viele Teilnehmer ist es nicht die erste Führung. Sabine Dawert besucht seit 15 Jahren Weitblick-Touren, weil sie „auf einem sehr kurzen Weg unheimlich viel über die Stadt, den Stadtteil, Kirche und Religion erfährt“, wie sie sagt. „Das finde ich super interessant.“

Sie wandert mit durch die Stadtteile Langenfelde, Stellingen und Eimsbüttel. Früher waren das sehr unterschiedliche Regionen, Spuren davon finden sich bis heute. Zum Beispiel den alten Pflasterstein, der – vom Herbstlaub befreit – die Buchstaben H und P trägt, weil hier die Grenze zwischen Hamburg und Preußen verlief. „Das sind für mich die versteckten Geschichten, die ich gern suche“, sagt Rhein. Selbst Alteingesessene würden von Details überrascht.

Die Heimatstadt neu entdecken

Auf jede Tour bereitet sich Rhein gut vor. Sie ist seit 30 Jahren als Stadtführerin unterwegs. „Sich Geschichtszahlen hintereinander weg zu merken ist doch nicht interessant“, sagt sie. Es komme darauf an, ein Stück seiner Heimatstadt neu zu entdecken – dann werde Geschichte lebendig. Auf diese Weise möchte Rhein den Gästen zugleich näherbringen, Verantwortung zu übernehmen – so wie die vielen Frauen und Männer aus der Geschichte, von denen sie auf der Tour berichtet.

Info
Die Termine der nächsten Weitblick-Touren finden sich hier.