Einen Bestseller zu verfilmen, der ein skurriles Leben mit feinem Humor erzählt, scheint ein Erfolgsgarant – erst recht mit prominentem Cast und nostalgischem Zeitkolorit. Nach Sonja Heiss’ Verfilmung von „Wann wird es endlich wieder so, wie es früher nie war“ nimmt sich nun Simon Verhoeven den dritten Teil von Joachim Meyerhoffs Romanzyklus vor und inszeniert ihn so leichtfüßig wie die Vorlage. Nach dem Tod seines Bruders bewirbt sich Joachim (Bruno Alexander) an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule und zieht zu seinen exzentrischen Großeltern (Senta Berger, Michael Wittenborn), die in ihrer Villa einen ritualisierten Alltag mit Champagnerfrühstück pflegen. Verhoeven erzählt charmant, bisweilen etwas oberflächlich, aber mit warmem Blick, starken Darstellern und nostalgischer Farbigkeit. Eine berührende Tragikomödie.
Regie: Simon Verhoeven. Buch: Simon Verhoeven, Lars Hubrich. Mit: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Karoline Herfurth, Tom Schilling, Devid Striesow, Anne Ratte-Polle. Länge: 137 Min. FSK: ab 6. (epd)
Lucija (Jara Sofija Ostan) ist die frommste Sängerin eines katholischen Mädchenchors. Die introvertierte 16-Jährige wirkt verträumt und unkonzentriert, was den ehrgeizigen Chorleiter und ihre strenggläubige Mutter provoziert. Als der Chor zu einem Probenwochenende in ein italienisches Nonnenkloster reist, gerät Lucija immer stärker zwischen religiöse Disziplin und erwachendes sexuelles Begehren. Die selbstbewusste Ana Maria (Mina Švajger) wird zur Verführerin und Freundin zugleich. Regisseurin Urška Djukić vermeidet voyeuristische Effekte und erzählt Lucijas inneren Aufruhr mit großer Sensibilität und surrealen Bildern. Trotz gelegentlich plakativer Symbolik entfaltet sich ein poetisches Coming-of-Age-Drama über Begehren, Glauben und Selbstfindung.
Regie: Urška Djukić. Buch: Urška Djukić, Maria Bohr. Mit: Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, Nataša Burger, Saša Pavček. Länge: 89 Min. FSK: ab 12. (epd)
Schon in den ersten Minuten wird klar, dass es Lukas Röder mit seinem Langfilmdebüt dem Publikum nicht leichtmachen will. Aaron (Til Schindler) kehrt in sein Heimatdorf zurück, um sich den Traumata seiner Kindheit zu stellen. Er ist schwul, Künstler, aus der Enge geflohen – und trifft auf eine Mutter (Heike Hanold-Lynch), die ihm mit Kälte und Vorwürfen begegnet. In einem radikalen Kammerspiel liefern sich Mutter und Sohn einen gnadenlosen Schlagabtausch. Große Teile des Films bestehen aus verpixelten Handyaufnahmen im Split-Screen, als würden die Protagonisten einander mit Kameras belauern. Nur kurze Streifzüge durch Wald und Schnee lassen Luft zum Atmen. Röder erzählt kompromisslos von Ausgrenzung, Scham und familiären Verletzungen. „Scham“ ist ein verstörend intensiver Film über Aufarbeitung und die Möglichkeit, selbst verhärtete Räume durch Gespräche zu öffnen.
Regie: Lukas Röder. Buch: Lukas Röder. Mit: Heike Hanold-Lynch, Til Schindler. Länge: 86 Min. FSK: ab 16. (epd)
In einem Krankenhaus in Minsk begegnet das Model Masha (Marya Imbro) dem tätowierten Pathologen und Maler Misha (Mikhail Senkov). Sie träumt von einer Karriere in China, er lebt zwischen Obduktionen und düsteren Gemälden. Zwei gegensätzliche Körper, zwei verletzte Seelen. Vom Morbiden, das Misha umgibt, fühlt sich Masha merkwürdig angezogen. Mit „White Snail“ setzt das österreichisch-deutsche Regieduo Elsa Kremser und Levin Peter seine poetische Grenzgängerei zwischen Dokument und Fiktion fort. Die Laiendarsteller:innen spielen Varianten ihrer selbst, ihre Biografien fließen in die fragmentarische Erzählung ein. Wie die weißen Schnecken, die Masha hält, tasten sich die Figuren vorsichtig aneinander heran. Ein zarter, rätselhafter Film über Einsamkeit, Sehnsucht und die Möglichkeit von Nähe.
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter. Buch: Elsa Kremser, Levin Peter. Mit: Mikhail Senkov, Olga Reptuk, Marya Imbro, Andrei Sauchanka. Länge: 115 Min. FSK: o.A.. (epd)