Theodor Adam wird Beauftragter für Queere Seelsorge der hannoverschen Landeskirche

„Diese Stelle ist mir ein Herzensanliegen“

Zum 1. März übernimmt der Pastor die Stelle im Zentrum für Seelsorge und Beratung. Im Interview verrät der 36-Jährige, worauf es ihm bei seinem neuen Job ankommt.

von Andrea Hesse

Herr Adam, Sie werden Pastor für Queere Seelsorge und Beratung …
Theodor Adam: Ja, da freue ich mich sehr. Die Stelle ist mir ein Herzensanliegen. Aber lieber würde ich von Queerness-sensibler Seelsorge sprechen. Die Seelsorge an sich ist ja nicht queer, auch ist Queeren-Seelsorge eine unglückliche Formulierung, denn der Begriff legt nahe, dass queere Menschen eine homogene, von anderen Menschen abgesonderte Gruppe seien. Queere Menschen sind jedoch verschieden und so individuell wie alle Menschen.

Was genau bedeutet „queer“?
„Queer“ wird meist als Containerbegriff verwendet. Er beschreibt Menschen, die nicht heterosexuell sind und/oder nicht in ihrem Geburtsgeschlecht leben oder mit männlich und weiblich konnotierten Geschlechtsmerkmalen geboren wurden. Und er wird sehr individuell ausgelegt und mit Leben gefüllt. Eine lesbische Frau zum Beispiel kann sich als queer verstehen oder ein intersexueller Mensch, der einen transgeschlechtlichen Mann liebt.

Wie begegnen Sie queeren Menschen?
(Lacht.) So wie Ihnen auch. Offen und mit Interesse. Vielleicht sind Sie ja queer, und ich weiß es noch nicht. Queeren Menschen sieht man ihr Queer-Sein ja längst nicht immer an. Und wer will bestimmen, wo Queerness beginnt und wo sie endet, wenn nicht jeder Mensch für sich selbst? Ich glaube, dass Gott mehr vorgesehen hat als rein Männliches, rein Weibliches und heterosexuelle Beziehungen. Gott drückt sich in allen Menschen aus, männlich und weiblich, intergeschlechtlich und genderfluid. Und seine Liebe kennt deutlich weniger Grenzen – falls sie denn überhaupt welche kennt – als unser Denken.

Pastor Theodor Adam Foto: ZfSB

Das sehen aber nicht alle Menschen so, auch innerhalb unserer Kirche.
Ja, das ist die (kirchen-)politische Seite dieser Beauftragung. Gender sei Mode, nicht Befreiung, Homo­sexualität sei Sünde, nicht Liebe, und transgeschlechtliche Menschen seien geschlechtsverwirrt und -verirrt. Menschen, die so argumentieren, haben ihre Gründe. Die können rationaler und auch emotionaler Art sein. Wichtig ist, dass wir einander begegnen!

Wie können diese Begegnungen gelingen – trotz der Vorbehalte, die Sie gerade genannt haben?
Der „Schwuchtel“ an der Bushaltestelle spuckt man schnell vor die Füße, dem Olli, mit dem man schon mal ein Bier getrunken hat, nicht. Die „Schwuchtel“ hat keinen Namen und keine Stimme, Olli hingegen ist ein Mensch. Und umgekehrt ist es ebenso. Wer Queerness kritisch sieht, muss nicht gleich rechts oder konservativ sein. Wir müssen reden. Dazu braucht es Räume und Mut von allen. Dazu braucht es auch theologische Argumente und eine Streitkultur. Und es braucht, trotz allem, ein Mindestmaß an Vertrauen.

Wie werden Sie Ihre neue Beauftragung mit Inhalt füllen?
Das eigentliche Seelsorgeangebot ist die Kernaufgabe. Zuhören, Gehörtes zusammen aushalten oder sich darüber freuen und es sortieren, einander begleiten, vielleicht auch zusammen beten, Segen empfangen. Und dabei weitere Poten­ziale wahrnehmen: Wo sind Bedürfnisse, was kann ich tun? Dann: Aufklärung und Befähigung. Warum fühlen sich manche Menschen ausgeschlossen, wenn die Männer im Psalmengebet beginnen und die Frauen mit den eingerückten Versen antworten? Und wie können wir einen Kasualgottesdienst anlässlich einer Transition begehen? Und feiern: Gottesdienste zu queeren Anlässen wie dem „Christopher Street Day“, zum „Transgender Day of Remembrance“, Kasualien in queeren Kontexten …

Wie kann hier auch die Theologie ins Spiel kommen?
Natürlich braucht diese Stelle eine theologische Grundlage. Es hilft nichts, einander Bibelstellen nur vorzulesen, gar um die Ohren zu hauen, um die eigene Einstellung zu stützen – vielmehr braucht es ein Ringen ums Verstehen, einen ergebnisoffenen Diskurs und dann Pflöcke, die wir einschlagen: Hinter diese Erkenntnis gehen wir nicht zurück.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für die Queerness-sensible Seelsorge – was könnte das sein?
Natürlich wäre mein Wunsch, dass Gott diese Arbeit begleitet. Es wäre wunderbar, wenn sich Seelsorge, Aufklärung und Befähigung, das Feiern und das theologische Ringen verbinden würden in einer segensreichen Dynamik, die es Menschen ermöglicht, einander und sich selbst anzunehmen, auf dass wir das Leben feiern, aufrecht und frei in unserer Unterschiedlichkeit und Gleichwürdigkeit – innerhalb der Kirche und über sie hinaus.

Zur Person 
Pastor Theodor Adam (36) ist derzeit noch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theologischen Fakultät und Diversitätsbeauftragter der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel tätig. Er studierte Theologie unter anderem in Münster, Südafrika und Göttingen und absolvierte sein Vikariat in Steinwedel sowie den Probedienst in Sottrum.

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