Die vergessenen Kinder in Dschibuti

80 Prozent der Flüchtlingskinder in Dschibuti kommen aus Äthiopien. In der Caritas-Station können sie tagsüber ein wenig Ruhe und Frieden finden. Nachts leben sie auf der Straße.

Von Frank Leßmann-Pfeifer

Dschibuti/Nordholz. "Diese Kinder sind vergessen. Keiner will sie." Francesco Martialis, der französische Leiter der Caritas in Dschibuti-Stadt erzählt uns, Fregattenkapitän Jörg Müller und mir, von seiner Arbeit. Ungefähr 700 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren erhalten hier auf der Station die Möglichkeit, morgens und mittags zu essen, die Schule zu besuchen, sich ärztlich versorgen zu lassen, zu spielen und vor allem einen Ort der Ruhe und des Friedens zu erleben. Denn die Nacht verbringen fast alle auf der Straße. Jede Nacht. Über Schlafmöglichkeiten verfügt die Station nicht.

Straßenkinder befinden sich seit Jahren auf der Flucht

Martialis, der mit seiner polnischen Frau und seinen beiden kleinen Kindern in Dschibuti lebt, berichtet, dass 80 Prozent der Straßenkinder aus Äthiopien geflüchtet sind; manche von ihnen haben sich schon mit sechs Jahren allein oder zu mehreren zu Fuß auf den Weg ins Nachbarland gemacht. Die anderen Kinder kommen aus Somalia oder aus Dschibuti selbst. Er berichtet auch davon, dass die Kinder, bevor sie die Station betreten, ihre Waffen und ihre Drogen abgeben müssen. "Wenn sich ein Kind auf den langen Weg von Äthiopien hierher macht oder wenn es Nacht für Nacht in den Straßen von Dschibuti schläft, geht das nur, wenn es ein Messer dabei hat. Ich selbst würde das auch so machen", sagt Martialis.

Die Mädchen seien fast alle beschnitten

"Und die meisten von ihnen haben, wenn sie zehn sind, Erfahrungen mit Prostitution. Sex mit Kindern kostet 100 dschibutische Francs, das ist ungefähr 1 Euro." Die marode, aber immerhin vorhandene staatliche Gesundheitsversorgung ist nur für Dschibutis zuständig. Flüchtlingskinder haben überhaupt keine Chance auf ärztliche Versorgung.
Vorher waren wir zu Besuch bei Giorgio Bertin, dem römisch-katholischen Bischof der Diözese von Dschibuti. Der italienische Franziskaner hat dieses Amt seit 2001 inne und wirkte vorher fast 25 Jahre lang als Priester in Somalia. In Dschibuti – einem Land nur wenig größer als Hessen – gibt es etwa 5000 Katholiken. Das sind 0,6 Prozent der Bevölkerung. Die Diözese betreibt mit 28 Franziskanerschwestern eigene Schulen und ist zudem in staatlichen Krankenhäusern aktiv.

Als Kirche tun, was möglich ist

"Es geht vor allem darum, als Kirche hier zu bleiben und zu tun, was möglich ist", sagt Bischof Bertin. Außer der katholischen Diözese gibt es als christliche Minderheiten noch die Athiopisch-Orthodoxe Kirche sowie eine ganz kleine protestantische französischsprachige Gemeinde. Alle drei Kirchen befinden sich in derselben Straße, dem Boulevard de la Republique im Stadtzentrum. Zurück im deutschen Camp berichten wir von unserem Besuch. Viele Soldaten interessieren sich sofort für die verschiedenen Hilfsmöglichkeiten. Neben Geld sind das abgelegte Kinderkleidung, Spiele, Mullbinden und Heftpflaster – einfache Dinge, die eine Menge verändern. Wir verabreden, noch mit dem laufenden Hauptkontingent, das Dschibuti Mitte Dezember verlässt, die Caritas-Station zu besuchen. Das Interesse daran ist groß. Die Soldaten sehen das Leben in der Stadt sonst nur aus ihren Autos, auf dem Weg vom Hotel zum Camp. Es ist ein künstliches Leben, eine eingeschränkte Perspektive.

Deutsche Soldaten vor Ort im Einsatz

 Im Rahmen der EU-Mission Atalanta sind in diesem Herbst etwa 75 deutsche Soldaten im Einsatz in Dschibuti, fast zwei Drittel von ihnen kommen vom Marinefliegerstützpunkt in Nordholz. Dschibuti, dieses kleine islamische Land am Horn von Afrika, gilt trotz seiner Armut als ein Hort politischer Stabilität in der Region. Seine Nachbarn sind Eritrea im Westen, Äthiopien im Süden und Somalia im Osten. Auf der anderen Seite der Meerenge liegt der Jemen, der seit Jahren in einem von Saudi-Arabien und dem Iran in Gang gehaltenen Bürgerkrieg versinkt. Vorrangige Ziele von Atalanta sind die Bekämpfung der Piraterie am Horn von Afrika und der Schutz der UNO-Hilfslieferungen für das zerstörte Somalia.

Spendenmöglichkeiten für die Straßenkinder von Dschibuti

Wer den Straßenkindern von Dschibuti helfen möchte, kann dies von Deutschland aus auf zweierlei Weise tun: Geldspenden können mit dem Vermerk "Caritas Dschibuti" über das Konto der Diocese de Djibouti, IBAN DE35 3706 0193 0057 3030 18 bei der PAX Bank Köln, BIC GENODED1PAX überwiesen werden. Sachspenden können mit der Aufschrift "Caritas Dschibuti" versehen an das Ev. Militärpfarramt Nordholz, Peter-Strasser-Platz 1, 27639 Wurster Nordseeküste geschickt werden. Die Päckchen werden dann mit dem nächsten Hauptkontingent von Nordholz aus nach Dschibuti geliefert (aus Sicherheitsgründen werden sie vor dem Versand geöffnet).

Fragen zur Arbeit der Caritas in Dschibuti beantwortet Francesco Martialis gern per E-Mail in französischer oder englischer Sprache an caritas.djibouti@gmail.com.