Die verborgenen Schätze der Kirchen

In vielen Kirchen von MV lagern jahrhundertealte Büchersammlungen, die kaum einer kennt. Ein Expertenteam will die Bibliotheken jetzt in den Fokus rücken – auch in Erinnerung an Martin Luther.

Photographer: Stefan Mayr

Wolgast/Rostock. Jedes Jahr am Denkmalstag schließt Ulrich Kober diese kleine Metalltür auf, die sonst meist verschlossen bleibt: die Tür im Südturm der St. Petrikirche Wolgast. Dann schieben sich die Besucher eine enge, staubige Backstein-Wendeltreppe voller Spinnweben hinauf und: Vor ihnen öffnet sich ein heller Raum, ein verstecktes Zimmer voller Regale und alter Bücher. Die historische Kirchenbibliothek von Wolgast.
„Die Leute sind immer verblüfft, wenn sie hier reinkommen“, sagt Kober, der in der Gemeinde als Verwaltungsangestellter arbeitet. Denn von unten sehe niemand, dass es hier oben überhaupt einen Raum gebe. Gut 1600 Bücher aus vergangenen Jahrhunderten stehen da geordnet auf Brettern, alte Bibeln wie die Barther Plattdeutsch-Bibel, Gesangbücher, Predigtsammlungen, religiöse Lehrbücher… Der Wolgaster Pastor Karl Heller hatte diese Sammlung zwischen 1820 und 1835 begründet. Aber in welchem Zustand und wie wertvoll ist sie heute und wie könnte man sie Forschern und weiteren Interessenten zugänglich machen?

Bibliotheken werden bis Ende 2017 untersucht

Solchen Fragen will ein Expertenteam des Nordkirchenarchivs und der Universitätsbibliothek Rostock jetzt nachgehen, nicht nur in Wolgast, sondern in möglichst allen Kirchenbibliotheken von MV. Rund 40 soll es geben, „manche sind nur eine Handvoll alter Bücher, andere bestehen aus mehreren tausend Büchern“, erklärt Robert Zepf, Direktor der Universitätsbibliothek Rostock. Für ihre systematische Erfassung haben die Nordkirche und die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung jeweils 100.000 Euro bereitgestellt.
Drei Bibliotheks-Mitarbeiter in Teilzeit sollen bis Ende 2017 durchs Land reisen, Gemeinden mit historischen Sammlungen besuchen, das Gefundene dokumentieren und mit den Eigentümern zusammen beraten: Was soll mit diesen Büchern passieren, was ist das beste für die Sammlung und die Gemeinde? Auch Fortbildungen zu bestandserhaltenen Maßnahmen könnten die Fachleute anbieten, etwa zu der Frage, wie man Schimmel erkennt und bekämpft.
„Wir begeben uns damit auf Entdeckungsreise“, sagt Zepf von der Unibibliothek. Zwar habe es in den 50er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts schon Ansätze gegeben, die historischen Kirchenbibliotheken zu erfassen. Aber einen aktuellen Überblick über ihren Zustand habe niemand.

Passend zum Reformationsjubiläum

Die größten Kirchenbibliotheken, soviel ist bekannt, lagern in den Städten des Landes. In Greifswald, Barth und Wolgast, in Rostock, Schwerin, Neustrelitz, Wismar und Neubrandenburg. Die meisten Dorfgemeinden der Mecklenburgischen Landeskirche hatten ihre Sammlungen in den 60er, 70er Jahren zur professionellen Aufbewahrung ins Landeskirchliche Archiv nach Schwerin gebracht, erzählt Robert Zepf. Nur wenige Ausnahmen seien bekannt, etwa Friedland, Zarrentin und Polchow. In der Pommerschen Landeskirche dagegen war die dezentrale Lagerung üblich. „Dort stehen jetzt noch viele Bibliotheken in Kirchen, Pfarr- oder Gemeindehäusern“, erklärt Robert Zepf. „Und vielleicht gibt es ja auch noch ganz vergessene Sammlungen auf irgendwelchen Dachböden!“
Sich jetzt, nur ein Jahr vor dem großen Lutherjubiläum 2017, damit zu beschäftigen, passe bestens. „Diese Sammlungen gehen ja auf einen direkten Aufruf Martin Luthers zurück“, erklärt Zepf. Nach der Auflösung der Klöster habe der Reformator Adlige und Pastoren aufgefordert, neue, für alle zugängliche Büchersammlungen anzulegen, um Bildung für alle zu ermöglichen. „So sind hier die ersten öffentlichen Bibliotheken entstanden.“
Aber vor allem die Beschäftigung mit der Barther Kirchenbibliothek hatte vor ein paar Jahren die Idee reifen lassen, diesen Kulturschatz von MV systematisch zu erfassen, erzählt Robert Zepf. Über 4000 Bücher gehören zum Bestand der 1398 erstmals erwähnten biblioteka bardensis, 2010 hatte ein Verein begonnen, sich um ihre Rettung zu kümmern (die Kirchenzeitung berichtete). Inzwischen ist der alte Bibliotheksraum in der Barther Kirche saniert worden, die von Schimmel befallenen Bücher wurden von Experten in Leipzig gereinigt, Wissenschaftler haben begonnen, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Immer mehr Schätze

Ähnlich ist es mit der „Bibliothek des Geistlichen Ministeriums“ im Greifswalder Dom. Die Krupp-Stiftung hat beide Projekte finanziell unterstützt, dann habe sich abgezeichnet, „dass noch verborgene Schätze in weiteren Kirchenbibliotheken Mecklenburg-Vorpommerns zu erwarten sind“, sagt ein Vertreter der Stiftung. Oder wie Robert Zepf erklärt: „Barth und Greifswald waren Pilotprojekte“, ähnlich könnte es nun auch in anderen Gemeinden laufen. „Genauso sinnvoll kann es aber auch sein, einzelne Sammlungen nach Rostock oder Schwerin zu bringen, damit Studenten an historischen Originalen arbeiten können.“ Er hofft, dass die Wissenschaftswelt so oder so auf die historischen Bibliotheken aufmerksam wird, dass wissenschaftliche Arbeiten zu einzelnen Büchern oder Sammlungen geschrieben werden.
Die Gemeinde Wolgast würde ihren Bücherschatz gern in der Kirche behalten und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. „Das Raumklima ist hier ganz gut“, sagt Kober. Eine Lüftung müsse man einbauen, „aber es ist auch bisher nicht so feucht, dass die Bücher schimmeln würden.“ Die Decke, die sich über den Drucken wölbt, hat allerdings Risse, Putz bröckelt heraus. Und die enge Wendeltreppe sei ein Problem. Architekten hätten vorgeschlagen, eine Metalltreppe um den Südturm der Kirche zu ziehen. „Aber wie sähe das aus“, sagt Kober. Von der darunter liegenden Südkapelle einen neuen Zugang zu schaffen, sei leider auch problematisch. „Da müsste man ein großes Loch in die älteste Wand der Kirche machen!“ Undenkbar, sagt Kober, schon aus Denkmalschutzgründen. So wird die Kirchenbibliothek von Wolgast vielleicht weiter in einem verborgenen Zimmer stehen.
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