Die Rolle der Greifswalder Kirche zu DDR-Zeiten

Der Pommersche Kirchenkreis sieht Aufklärungsbedarf für das Miteinander im Kreis. Knackpunkt ist noch immer die Frage, wie eng die Zusammenarbeit der Kirchenleitung mit der Staatssicherheit war.

von Sebastian Kühl
und Nicole Kiesewetter

Züssow. Die Pommersche Kirche will sich erneut intensiv mit der Aufarbeitung ihrer DDR-Geschichte befassen. Einen entsprechenden Beschluss fasste die Synode bei ihrer Frühjahrstagung am Wochenende in Züssow bei Greifswald. Zur historischen Wahrheit gehörten auch die unbequemen Tatsachen, sagte Propst Gerd Panknin. Darüber Klarheit zu gewinnen, zähle zu den notwendigen Aufgaben der Geschichtserinnerung.
Die historische Aufarbeitung habe zwar bereits in den 1990er Jahren begonnen, aber sie sei nicht zu Ende gebracht worden, räumte Panknin ein. Dem damals verfassten selbstkritischen Bekenntnis der Synode der Pommerschen Evangelischen Kirche (vom 18. Mai 1990) schlossen sich die heutigen Synodalen an: "Die Landesynode bedauert, dass es in unserer Landeskirche vor der ‚Wende‘ zu viele Zugeständnisse gegenüber den Staats- und Parteifunktionären gegeben hat. Dadurch wurde manches Mal der schmale Weg zwischen Anpassung und gebotener Verweigerung verlassen in der Absicht, Freiräume für die Kirche und die Menschen unseres Landes zu bewahren. So haben wir Menschen, die unter dem System gelitten haben, im Stich gelassen und Schuld auf uns geladen. Wir danken den Mitarbeitern und Gemeindegliedern, die durch ihren Beistand für angefochtene und verängstigte Menschen unseres Landes Kirche glaubhaft sein ließen und menschliche und geistliche Werte in unserem Volk bewahrt haben."

Entschließung neu in Erinnerung bringen

Der Pommersche Kirchenkreis will künftig seelsorgerliche Begleitung für Menschen anbieten, die bis heute unter den Lasten der DDR-Vergangenheit leiden, sei es infolge politischer Haft, ideologischer Gängelung, persönlicher Bespitzelung, individueller Benachteiligung oder beruflicher Behinderung. "Wir sehen auch die Notwendigkeit, die seelsorgerliche Begleitung Menschen anzubieten, die verstrickt waren in die Einflussnahme staatlicher Stellen und ihrer Organe", heißt es in dem Beschluss. Wo diese Erfahrungen selbst in Kirchenräumen gemacht wurden, sei die Seelsorge notwendigerweise auch mit einer geschichtlichen Aufarbeitung zu verbinden. Zudem soll eine Sachverständigengruppe die Geschichte der damaligen Evangelischen Landeskirche Greifswald für den Zeitraum von 1970 bis 1990 erforschen, breiter als bisher.

"Der Greifswalder Weg"

Hintergrund für die erneute Beschäftigung ist eine aktuelle Neuauflage der Publikation "Der Greifswalder Weg" über die DDR-Kirchenpolitik und die Evangelische Landeskirche Greifswald 1980 bis 1989. Das Buch der Historikerin Rahel Frank war 1998 erstmals erschienen und löste damals wie heute kontroverse Reaktionen aus. Führende Mitarbeiter der Pommerschen Evangelischen Kirche sind nach Einschätzung der Historikerin im Umgang mit der Stasi einen grundsätzlich anderen Weg gegangen als in anderen Landeskirchen der DDR, indem sie enge Kontakte mit der Staatssicherheit pflegten.

Propst Pankin betonte vor der Synode, dass zur historischen Wahrheitsfindung auch das Feststellen von Leistungen und von Werten der Kirche gehöre, die das Weiterhandeln ermöglichten. "Vieles, was die pommersche Landeskirchengeschichte während der DDR-Zeit geprägt und bestimmt hat, wurde noch nicht erzählt", sagte er. Die Geschichtsschreibung dürfe nicht beim Handeln der kirchenleitenden Amtsträger stehenbleiben. "Es gehört zur notwendigen Ergänzung, die Vielfalt kirchlichen Lebens wahrzunehmen und damit auch die Vielfalt von Leistungen und Fehlleistungen auf allen Ebenen." Das Hören aller Seiten und Quellen sei nötig.