Die Kirchenorgel von Bützow erklingt wieder

Einst durch Vandalismus zerstört, ist das wertvolle Instrument restauriert worden. Jetzt wird es wieder gespielt – nach mehr als 30 Jahren.

Bützow. Es sei ein besonderes Erlebnis gewesen, sagt Pastorin Christine Oberlin, 54, von der Reformierten Kirche in Mecklenburg-Bützow, die ersten Töne der Orgel zu hören. „Nach so vielen Jahren klingt sie wieder – und mit den Bildern von ihrem desolaten Zustand im Kopf höre ich kräftige und weich klingende Töne. Über 30 Jahre musste die Gemeinde auf diesen Moment warten – solange war die Orgel nicht spielbar. Schon vor dem Verkauf der  Reformierte Kirche an die Stadt 1988 konnte wegen Baufälligkeit kaum noch Gottesdienst in ihr gefeiert werden.“ Es habe jede Menge Brökelputz von der Decke in der Orgel gelegen, weiß Christine Oberlin aus Erzählungen. Endgültig unspielbar wurde sie dann gleich nach der Wende, als die Metallpfeifen eingeknickt, zertrampelt wurden. Man fragt sich bis heute: Warum? Aus purer Zerstörungswut? Aus Wut über das Ende der DDR, an dem die Kirche viel Anteil hatte? 

Die Stadt hat jetzt zwei schöne romantische Orgeln

Mit der vor drei Wochen wieder in Dienst genommenen Orgel gibt es in der kleinen Stadt, die vor genau einem Jahr durch einen Tornado schwer beschädigt wurde,  nun zwei schöne romantische Orgeln. Sie seien dabei sehr unterschiedlich, betont Pastorin Oberlin, ergänzen sich wunderbar und treten nicht in Konkurrenz. Die große  zweimanualige Friese-Orgel in der Stiftskirche und die kleine Winzer-Orgel in der Reformierten Kirche haben jeweils ihren eigenen Charme und ihre Ausstrahlung und zeigen gemeinsam die ganze Fülle romantischer Klangräume.
Dass die Orgelpfeifen der Winzer-Orgel, die seit ihrer Zerstörung Anfang der 1990er-Jahre auf dem Dachboden der Kirche eingelagert waren und gerettet werden konnten, sei ein kleines Wunder, erzählt die Pastorin, die seit vier Jahren in Bützow tätig ist. Der schreckliche Tornado hatte am Dienstag, 5. Mai 2015 – eine Woche nachdem die Reformierten das 250-jähriges Bestehen ihrer Kirche in Bützow gefeiert hatten – viele Gebäude in der Kleinstadt zerstört oder beschädigt (Kirchenzeitung berichtete). So auch das Dach der Reformierten Kirche im Ellernbruch, wo auch gelegentlich Gottesdienste gefeiert werden. In der Nacht nach dem Tornado sei sie morgens gegen vier Uhr aufgewacht und es schoss ihr in den Kopf: „Um Gottes Willen, wenn heute das Dach gesichert wird und die Arbeiter die Pfeifen sehen, landen die schnell im Schrottcontainer – weil sie aussehen wie zerdrückte Dachrinnen. Hoffentlich sind die Pfeifen überhaupt noch da und nicht noch mehr beschädigt worden!“ Sie konnte nicht mehr einschlafen und lief um halb acht schon ins Rathaus. Dort waren im Foyer schon etliche freiwillige Helfer. 

Schüler aus Graal-Müritz halfen bei der Bergung

Eine Schulklasse aus Graal-Müritz, die für die Woche geplant hatte, Strandhafer zu pflanzen, war spontan mit einem Barkas nach Bützow gekommen und wollte helfen. „Wir bekamen eine Schubkarre und Handschuhe geliehen und dann gings zur Kirche ins Ellernbruch“, erzählt Pastorin Oberlin weiter. „Die Arbeiter waren erst nicht begeistert, dass sie wegen uns die Sicherungsarbeiten unterbrechen mussten. Es war ja auch gefährlich und das nächste Gewitter war angekündigt. Im Dach war eine große Lücke, auf dem Dachboden hingen Planen als Wasserfänger und man musste schauen, wo man hintritt. Wir hatten eine Viertelstunde Zeit.“
Ihrem Mann sei die rettende Idee gekommen: „Wir bilden eine Menschenkette vom Dachboden über die steile Treppe bis zum Orgelboden und von da wieder über die steile Treppe weiter in den Kirchenraum – dann aus dem Portal über die Straße, danach über den Schulhof der Freien Schule und in die Pfaffenstraße direkt ins Pfarrhaus.“  Es habe hervorragend geklappt, so Christine Oberlin im Rückblick. Die Graal-Müritzer Schüler hatten nicht glauben wollen, dass aus dem Schrott noch mal Töne kommen. „Ich versprach ihnen, sie auf dem Laufenden zu halten und natürlich waren sie auch zur Wieder-Indienstnahme der Orgel eingeladen.“  Leider kam niemand von den Schülern aus Graal-Müritz. Am 17. April waren zur Wiederindienstnahme der Orgel rund 260 Gemeindeglieder und Freunde der Gemeinde, sogar aus Dänemark und der Schweiz, gekommen…
Die nun wieder wohl klingende Orgel – dafür hat die Mecklenburger Orgelbaufirma Andreas Arnold aus Plau am See gesorgt, Kosten 45 000 Euro  – wird auch in den künftigen Gottesdiensten gespielt werden – auch wenn die Reformierte Gemeinde mit ihren rund 340 Gemeindemitgliedern keinen eigenen Kantor hat. Die Lutheraner helfen aus!

Hervorragende Zusammenarbeit mit der lutherischen Gemeinde

Die Zusammenarbeit mit der lutherischen Gemeinde sei hervorragend, betont Christine Oberlin. Kantorin Ute Kubeler  und Kantor i. R. Roland Steinbrück spielen in den 14-tägig stattfindenden Gottesdiensten in der Reformierten Kirche die Orgel – zeitlich passt das gut: Die evangelisch-lutherische Gemeinde feiert ihre Gottesdienste um 10 Uhr, die Reformierten – weil sie zum Teil von weither anreisen – erst um 15 Uhr. Außerdem wird ein gemeinsamer Flyer mit den Konzerten in den beiden Kirchen in Umlauf gebracht.
Mit der nun wieder spielbaren Orgel will die reformierte Gemeinde der kleinen Stadt auch ein Geschenk machen, sagt die Pastorin: Gleich neben ihrer Kirche ist die Bützower Musikschule und sie hofft, dass auf der Orgel  Musikschüler das Instrument erlernen werden. Außerdem soll weiter zu Orgelkonzerten bzw. Benefizkonzerten in Zusammenarbeit mit dem Förderverein für die Stiftskirche eingeladen werden, drei sind in der reformierten Kirche geplant in diesem Jahr. Es spielt Winfried Dahlke, geboren 1969 in Lüneburg, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-reformierten Kirche. Als Orgelrevisor für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ist er zudem für die Orgeln im Kirchenkreis Emsland-Bentheim zuständig. Dahlke ist Direktor des Organeums in Weener und hat an der Hochschule für Künste Bremen einen Lehrauftrag für Orgel und Harmoniumspiel inne.
INFO
Die evangelisch-reformierte Kirche mit den Kernlanden Grafschaft Bentheim und Ostfriesland, wozu auch Mecklenburg-Bützow gehört, ist die drittkleinste Landeskirche in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie hat rund 180 000 Gemeindemitglieder und 142 Pfarrstellen. Eine zweite rein reformierte Landeskirche gibt es im Lippischen
In Mecklenburg hatte 1699 Großherzog Friedrich einen Erlass herausgegeben, dass verfolgte französische Protestanten sich im dünn besiedelten Bützow niederlassen durften. Sie waren Tuchmacher, gute Kaufleute, Putzmacher oder im Tabakanbau und der Verarbeitung kundig. Der Großherzog versprach ihnen unter anderem freie Ausübung ihrer Religion, einen gottesdienstlichen Saal, Steuerprivilegien, einen Kantor und einen Prediger. Bis heute zahlt das Land MV den größten Teil der Pfarrstelle, solange das Pfarrhaus besetzt ist.