Es gibt kein Entkommen: Wer in diesen Tagen das Radio anmacht, hört fast unausweichlich ein „Weihnachtslied“ wie „Driving home for Christmas“. In den Innenstädten duftet Glühwein, leuchten Kerzen und stehen Tannenbäume. Im Supermarkt gibt es Schoko-Weihnachtsmänner und Spekulatius – all, überall ist es „die schönste Zeit des Jahres“.
Warum Menschen dem Weihnachtsrummel entfliehen
Nicht für alle. Es gibt Menschen, die können Weihnachten wenig abgewinnen und entfliehen dem Rummel und der Dauerbeschallung: Dirk Bruns aus Bad Homburg hat bereits die Koffer gepackt und macht sich auf den Weg in den Süden. Er fliegt jedes Jahr zur Weihnachtszeit ins Ausland. „Es ist ein Fest der Familie – und ich habe keine Familie mehr“, stellt er fest. Eine Partnerin gibt es seit einigen Jahren nicht mehr – und als alleinstehender Mann ist für ihn der Weihnachtstrubel „sehr übertrieben“. Deshalb gibt es in seiner Wohnung keinen Weihnachtsschmuck und es geht für drei Wochen auf eine Rundreise in die Hitze von Westafrika.
Petra Schult geht es ähnlich: Die 62-Jährige lebt im bayerischen Mittenwald – die Eltern und der Bruder sind bereits verstorben. Sie ist nicht verheiratet. Es gibt auch keine Familie mehr. „Erinnerungen an Weihnachten tun mir daher eher weh“, erzählt sie. Ihr Haus ist anders als früher nicht mehr weihnachtlich geschmückt. An Heiligabend wird sie bis Mittag arbeiten – und abends „nochmal mit dem Hund raus“ und dann früh ins Bett gehen. Sie freut sich eher darauf, wenn Weihnachten und die dunkle Jahreszeit vorbei sind.
Die beiden scheinen keine Einzelfälle zu sein. Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart, kann bestätigen, dass die Zahl der Anrufer, die sich kritisch zu Weihnachten äußern, bereits Wochen vor dem Fest ansteigt „Einige haben oft erlebt, dass das Weihnachtsfest bei der Familie eher konfliktbeladen und anstrengend ist und empfinden das als bedrohlich“, erläutert sie. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die alleine ohne Verwandte leben und die das Single-Dasein am „Fest der Familie“ besonders „schmerzhaft“ erleben. Diese negativen Aspekte des Weihnachtsrummels werden nach ihrer Meinung zu wenig thematisiert und wahrgenommen.
Weihnachtsrummel belastet durch Konsumdruck und Erwartungen
Dabei gibt es durchaus aktuelle Studien, die zeigen, dass eine große Zahl von Menschen den Hype um Weihnachten nicht teilt. Mehr als jeder dritte Deutsche (34 Prozent) ärgert sich über zu viel Konsum und Kaufdruck. Rund jeder Vierte (26 Prozent) fühlt sich demnach durch Stress bei den Festvorbereitungen belastet. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey vom November hervor.
Nach Ansicht des Berliner Psychotherapeuten und Buchautors Wolfgang Krüger sind die Weihnachtsskeptiker „zunächst einmal Menschen, die solche festen Rituale ablehnen, an denen nach ihrer Auffassung vor allem gegessen und konsumiert wird.“ Dann gebe es Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, dass es immer zu Weihnachten zu Streit in der Familie kommt. Und schwierig sei es vor allem für Singles, weil Freunde eben mit der Familie feierten.
Weihnachtsrummel: “Grinch Syndrom” beschreibt bewusste Distanz
In der Zeitschrift „Brigitte“ beschreibt die Autorin Merle Blankenfeld das „Grinch-Syndrom“, nach der Figur, die Weihnachten anfangs gar nicht mag. In ihrem Umfeld gebe es „einige Personen, die dieser Zeit des erzwungenen Socializings mit Kitsch-Soundtrack nicht besonders viel abgewinnen können.“ Sie bezeichnet sich selbst auch als „Grinch“ und geht den beschriebenen Gefahren, die Weihnachten bieten kann, schließlich aus dem Weg und macht das Beste aus ihrer Skepsis. „Ich sehe meine Familie nicht an Weihnachten, sondern mit etwas mehr Ruhe in der Zeit davor und danach.“ Und über die Feiertage fährt sie ans Meer – wo das Wellenrauschen vielleicht die Weihnachtslieder übertönt.
Was für die Autorin zu passen scheint, kann allerdings schiefgehen. Martina Rudolph-Zeller weiß aus Erfahrung, dass gerade die beiden Weihnachtsfeiertage für Singles und Alleinstehende eine schwierige Zeit sind. „Viele Cafés und Restaurants sind geschlossen, beim Spaziergang trifft man ständig auf Familien oder Paare“, erläutert sie. Bei der Telefonseelsorge gebe es dann häufig Anrufe, weil diese Tage die eigene Situation noch einmal sehr deutlich machten und „schmerzhaft“ erlebt werden.
