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“Die Angst sitzt einem doch im Herzen” – eine Fluchtgeschichte

Im Frühjahr 1945 flieht Hildegard Mahl vor der Roten Armee. Was sie erlebt, notiert die 22-Jährige. Ihre Einträge liegen heute im Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung Versöhnung. Es lohnt, darin zu lesen.

Diese Geschichte beginnt im Süden des heutigen Polen. Im damals schlesischen Neiße, das heute Nysa heißt. Im Frühjahr 1945 liefern sich dort die Soldaten der sowjetischen Roten Armee erbitterte Gefechte mit Einheiten der deutschen Wehrmacht. Nach zwölf Jahren liegt Adolf Hitlers “Tausendjähriges Reich” in Trümmern. Der von den Nationalsozialisten 1939 mit dem Einmarsch in Polen begonnene Krieg kehrt nun mit aller Wucht zurück. Die Ermordung von Millionen europäischer Juden sowie Massenexekutionen und weitere monströse Kriegsverbrechen: Viele Deutsche ahnen zumindest, dass nun die Quittung für die von ihnen oder in ihrem Namen begangenen Gräueltaten droht.

Allerdings: Schuldig oder nicht-schuldig, Täter, Mitläufer oder Opfer sind erst einmal irrelevante Kategorien für diejenigen, die nun ihre Wohnungen und Häuser, ihre Städte und Dörfer verlassen. Mit einem Mal ist jeder auf der Flucht vor Bomben und Gewehrsalven. “Bis zum heutigen Tag waren wir alle der Meinung, dass wir in Neiße bleiben können”, notiert die 22-jährige Hildegard Mahl zum 16. März 1945. “Erst am gestrigen Abend spitzte sich die Lage derart zu, dass doch jeder nach einem Unterschlupf Ausschau hielt, wo er die kritischen Tage überstehen konnte, um dann nach Hause zurückzukehren.”

Die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Neiße wird Hildegard Mahl und ihre Eltern samt Hund Carlo auf ihrer viermonatigen Odyssee begleiten, die sie Mitte Juli 1945 schließlich bis nach München führt. Unterwegs erlebt die junge Frau Gespenstisches. “Ein fahles Licht lag über den Bergen, die Orte waren verlassen und öde, auf den Feldern und in den Ställen brüllte das Vieh vor Hunger oder weil es gemolken werden musste.”

Und die Flüchtlinge? Pannen an Kutschen und Autos, das Warten auf Züge an übervollen Bahnsteigen, die Suche nach Essen und einem Dach über dem Kopf, kilometerlange Fußmärsche – all das zehrt an den Nerven. “Die Menschen sind unhöflich und ungefällig, jeder schimpft und meutert.” Dann wieder schlägt Wut in Verzweiflung um: “Die Tränen sitzen uns allen sehr locker, es braucht nur einen gelinden Anstoß, um sie ins Rollen zu bringen.”

Dann ist da noch diese eine bohrende Frage, die nicht nur Hildegard umtreibt: “Wie werden die Russen uns Frauen gegenüberstehen? Man hört viel von Vergewaltigungen, man kann sich das nicht vorstellen und steht dem so machtlos und fassungslos gegenüber, dass man beinahe stumpf allem entgegensieht.” Kaum auszuhalten ist die ständige Ungewissheit: “Man ist schon ganz wirr im Kopf vom vielen Grübeln, die Angst sitzt einem doch im Herzen. Angst um das bisschen Gepäck, die paar Lebensmittel, die Wertsachen vor allem, Angst um unser persönliches Leben.”

Je länger die Flucht dauert, desto mehr sehnt Hildegard ein Ende der Kämpfe herbei. “Der Aufstand muss vom Heer aus kommen, das Zivilvolk ist zu ohnmächtig und viel zu blind gegenüber all dem Elend”, schreibt sie kurz vor Ostern. Das Los eines Flüchtlings könne niemand begreifen, der es nicht selbst erlebt habe. “Wir haben jedenfalls kein Recht mehr und keinen Anspruch auf all das, was wir auch nur annähernd besessen haben.”

Rund 80 Jahre später sitzt Hildegards Tochter Helga Stürmer zusammen mit ihrem Mann Heinz im Wohnzimmer ihres Hauses in Bonn. Der Wald ist nah, draußen scheint die Sonne. Friedlich geht das Leben seinen Gang. Was ihre Mutter damals erlebte, scheint gerade sehr weit weg. “Heute kann man das ja gar nicht mehr nachempfinden”, sagt Helga Stürmer und schüttelt den Kopf. Gleichzeitig debattiert das Land fast täglich über den Umgang mit Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan oder der Ukraine. Oft spricht man über sie – deutlich seltener kommen sie selbst zu Wort.

Zeugnisse wie das Tagebuch von Helga Stürmers Mutter berichten nicht nur von dem was war, sondern ermöglichten zugleich nachgeborenen Generationen über Berichte von Zeitzeugen eine Annäherung an das Schicksal von Eltern und Großeltern, sagt Nils Köhler vom Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Die Einrichtung trägt seit Jahren Dokumente und Erinnerungsstücke rund um die Flucht und Vertreibung der Deutschen 1945 zusammen.

Anfang des Jahres lesen Helga und Heinz Stürmer einen Sammlungsaufruf des Dokumentationszentrums in einer Zeitschrift. Sie entscheiden sich, eine Abschrift von Hildegards Tagebuch einzusenden. “Wir haben keine Kinder”, sagt Helga Stürmer. “Irgendwie fanden wir es schade, wenn diese Geschichte verloren gegangen wäre.” Das Original, ein schwarzes Heft, eng beschrieben in altdeutscher Schrift, gibt es nicht mehr. Hildegard tippte es jedoch auf einer alten Reiseschreibmaschine ab, bevor sie es wegwarf, wie die Tochter berichtet. “Zum Glück”, sagt sie und lächelt. “Meine Mutter hatte nämlich eine ziemlich schludrige Handschrift.”

Für Nils Köhler sind Hildegard Mahls Notizen ein Glücksfall. “Die meisten Erinnerungsberichte wurden Jahre oder auch Jahrzehnte später zu Papier gebracht”, erläutert er. Manches, wie die alltäglichen Sorgen, hätten die Autorinnen oder Autoren dann weggelassen. Aktuell besitze das Dokumentationszentrum nur 50 Schilderungen, die mit Hildegard Mahls Tagebuch vergleichbar seien. Unter der Signatur A/1/1/858 lagert es jetzt “unter optimalen konservatorischen Bedingungen” in Berlin. Besucher können den Text auch an Medienstationen im Lesesaal des Zeitzeugenarchivs aufrufen.

Ihre Mutter, die 2014 im Alter von 92 Jahren starb, habe stets nach vorn geblickt, sagt Helga Stürmer. Wie zur Bestätigung schaut eine junge Hildegard Mahl auf alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen erwartungsfroh in die Kamera. Ihr Tagebuch endet mit den Worten: “Ich bin im Frühjahr 1946 nach Heidelberg ins Studium gegangen. Die Dorle hatte ich auch wiedergefunden und mit ihr zusammen das Studium begonnen.”