Der verbindende Geist

Ein Bild, viele Perspektiven. Das ist das bewährte Konzept der Veranstaltungsreihe „Kunst im interreligiösen Dialog“ in der Hamburger Kunsthalle. Jetzt steht der Grund allen Lebens im Fokus.

Diskussionsrunde in einem Ausstellungsraum
Diskussionsrunde in einem AusstellungsraumSINJE HASHEIDER

Hamburg. Wer Kunst betrachtet, bringt immer seinen eigenen Hintergrund mit ein. Dass religiöse Zugehörigkeiten zu unterschiedlichen Blickwinkeln führen kann, zeigt seit mittlerweile zwölf Jahren die Reihe „Kunst im Interreligiösen Dialog“, die die Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin Marion Koch an der Hamburger Kunsthalle initiiert hat. Am 1. Dezember geht es dort um das Thema „Atmen“.

„Auslöser der Reihe war eine Ausstellung „Bilder vom Orient“, die ich 2006 in der Hamburger Kunsthalle kuratiert habe“, erinnert Marion Koch an die Wurzeln des Veranstaltungsformats. Als sie mit mehreren Imamen durch die Schau ging, tauschten sie sich untereinander aus, was sie jeweils auf den Bildern sahen. Dabei stellte Marion Koch fest, dass es hoch interessant war, Bilder, die in christlich-abendländischem Kontext entstanden waren, im interreligiösen Gespräch zu erleben. „Menschen anderer Religionszugehörigkeit suchen in den Bildern die Verbindung zu ihrer Religion“, so ihre Erfahrung. „Das kann völlig neue Perspektiven eröffnen.“

Es geht um den Austausch

Sie entschloss sich damals, zunächst vier Veranstaltungen „Kunst im Interreligiösen Dialog“ anzubieten und stieß damit auf großes Interesse. „Teilweise waren bis zu hundert Besucher dabei.“ Drei Referenten aus drei religiösen Traditionen sprechen pro Veranstaltung über zwei Kunstwerke und stellen Bezüge zu ihrer jeweiligen Religion her. Das Publikum kann Fragen stellen oder auch Beobachtungen beitragen. Marion Koch moderiert. „Dabei geht es nicht um den kunsthistorischen Blick, sondern um den interreligiösen Austausch.“

Mit diesem Motiv wirbt die Kunsthalle für ihre Ausstellung „Atmen“ Foto: Thomson Craighead Several Interuptions
Mit diesem Motiv wirbt die Kunsthalle für ihre Ausstellung „Atmen“ Foto: Thomson Craighead Several Interuptions

Zu diesem laden christlich-abendländische Darstellungen Gottes ein, Maria und Jesus oder die Bilder von Heiligen. „An den Veranstaltungen sind viele unterschiedliche religiöse Gemeinschaften beteiligt“, erläutert die Initiatorin. Hindus, Buddhisten, Aleviten, Juden, Muslime, katholische und evangelische Christen – sie alle sind eingeladen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer religiösen Traditionen über die Annäherung an die Kunstwerke zu erkennen.

„In einigen Religionen gilt das Gebot, Gott nicht darzustellen“, gibt Marion Koch ein Beispiel, „dennoch wird er im Christentum oft als Mann mit Bart gezeigt. Dabei gibt es auch hier das Gebot, dass man sich kein Bildnis Gottes machen soll.“ Manche Religionen sehen in Jesus einen Propheten und nicht Gottes Sohn, Heiligendarstellungen sind nicht überall automatisch verständlich, die Darstellung von „Jüdischem“ in christlich-abendländischer Kunst weist teils schon früh antisemitische Elemente auf und spiegelt die Vorbehalte aus christlicher Perspektive. „Alle beziehen sich auf dasselbe Kunstwerk, aber es gibt unterschiedliche Positionen.“ Dann wieder seien es auf dem ersten Blick „orientalische“ Bilder, die dennoch den Maler als christlich-abendländischen Künstler erkennen ließen.

Zen-Buddhistin referiert

Nun geht es um das Thema Atmen. „Wie kommt der Atem zum Mensch? Ist Atem der Odem Gottes? Atem hat in allen Religionen und Kulturen eine herausragende Bedeutung, denn ohne Atmen gibt es so gut wie kein Leben“, sagt Marion Koch. Oft werde mit Atem – dem Odem – der Geist Gottes verbunden. „So spricht man in der jüdischen Tradition von Ruach Elohim, Wind Gottes. Oder vom spiritus sanctus – dem heiligen Geist – in den christlichen Traditionen“, heißt es in der Ankündigung. Dazu findet derzeit eine Sonderausstellung statt, die den Hintergrund für das Thema bildet.

Bei der Veranstaltung am 1. Dezember ist mit Sung-Yon Lee eine Zen-Buddhistin als Referentin dabei, die sich über Meditation dem Thema Atem nähert. Monika Kaminska hat als Forschungsschwerpunkt Jüdische Philosophie, Veronika Schlör ist Studienleiterin der Katholischen Akademie Hamburg. Die Veranstaltungsreihe ist eine Kooperationsveranstaltung mit der Akademie der Weltreligionen.

Info
„Kunst im Interreligiösen Dialog“ lädt am Donnerstag, 1. Dezember, von 19 Uhr bis 20.30 Uhr in die Hamburger Kunsthalle, Foyer der Galerie der Gegenwart, ein. Die Teilnahme kostet 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.