Wie die Kieler Reste-Ritter alte Lebensmittel nutzen

Der Renner ist der Apfelsecco

Eine Tomate mit einer Delle oder ein Apfel mit einer Stelle: Aus solchen Lebensmitteln machen die Kieler Resteritter nicht nur Marmeladen.

Lebensmittelverschwendung ist für Moritz Dietzsch eines der größten gesellschaftlichen Probleme

von Timo Teggatz

Kiel/Hamburg. Die Sache war ihm schon lange ein Ärgernis. Dann, vor vier Jahren, absolvierte der Kieler Moritz Dietzsch ein Modul seines Geografie-Studiums. Die Aufgabe lautete: „Was ist das größte gesellschaftliche Problem, das du lösen möchtest?“ Für den Studenten und zwei Kommilitonen lautete das Problem: Lebensmittelverschwendung.

Aus diesem Uni-Projekt ist die Initiative Reste-Ritter entstanden, die Dietzsch und seine Mitstreiter noch heute in Kiel betreiben – und aus aussortierten Lebensmitteln zum Beispiel Marmeladen und Chutneys machen. Das Team arbeitet mit einem Großhändler für Obst und Gemüse zusammen, von dem es Lebensmittel bekommt, die nicht mehr für einen Verkauf an Hotels und Restaurants taugen. Da reiche schon eine kleine Stelle an einem Apfel oder eine Delle in einer Tomate, sagt Dietzsch. Im Herbst ernten sie auch Obst in privaten Gärten und sogar auf einem Golfplatz, der viele Apfelbäume hat.

Gekocht wird in einer Schule

Dann nutzt das Team die Küche einer Schule im Kieler Stadtteil Gaarden, die abends und am Wochenende leer steht. Manchmal sind sie dort bis zu zwölf Stunden, um die aussortierten Lebensmittel zu verkochen. Beliebt seien die Fruchtaufstriche, sagt Moritz Dietzsch. Doch zuletzt haben die Reste-Ritter einen neuen Renner kreiert: einen Apfelsecco.

Eine maritime Marmelade namens „Kieler Kiwi“ Foto: Privat

Verkauft werden die Produkte auf der eigenen Website und in 15 Unverpackt-Läden in Kiel, Ahrensburg und Bremerhaven. Den Erlös spenden die Resteritter teilweise, bei der Marmelade sind es zum Beispiel 50 Cent pro Glas. So kommen pro Jahr etwa 2000 Euro für die Stiftung Mittagskinder­ zusammen, die sich um warme Mahlzeiten für Kinder kümmert.

Etwa 12 Millionen Tonnen essbare Lebensmittel wandern nach einer Studie des Thünen-Instituts pro Jahr in den Müll. Der WWF hat 2016 den 2. Mai zum Tag gegen Lebensmittelverschwendung ausgerufen. Statistisch gesehen landet die Menge an Lebensmitteln, die weltweit von Januar bis Mai produziert wird, jedes Jahr im Müll.

Schnippelparty auf der Kieler Woche

Damit sich das ändert, unternehmen die Reste-Ritter einiges: Auf ihrer Internetseite klären sie auf, wie sich alte Lebensmittel am besten verwenden lassen. „Man muss nur kreativ sein“, sagt Moritz Dietzsch. So kocht er gern aus altem Brot Frikadellen. Außerdem geht das Team in Schulen, um schon Kinder auf das Thema aufmerksam zu machen. Und auf der Kieler Woche haben sie schon „Schnippelpartys“ mit 500 Besuchern gefeiert.

Auch mit seinen christlichen Pfadfindern hat Dietzsch schon viel gegen Lebensmittelverschwendung unternommen – zum Beispiel beim Berliner Kirchentag 2017. Dort fuhren sie quer durch Berlin auf der Suche nach Lebensmittelspenden und verkauften sie in einem Café. „Wir konnten uns manchmal vor dem Ansturm kaum retten“, erzählt Dietzsch. Zu essen bekamen die Besucher damals Bratkartoffeln, Salate oder Croissants. Und für kirchliche Veranstaltungen, etwa das Heaven-Festival in Neumünster, übernehmen die Pfadfinder das Catering.

Was die Nordkirche macht

Die Nordkirche versucht ebenfalls, ihre Gemeinden auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen. Petra Kleinert vom Umwelt- und Klimaschutzbüro verweist auf die Auszeichnung „ökofaire Gemeinde“. Nordkirchenweit sind mit dieser Plakette 35 Gemeinden ausgezeichnet worden. Der sensible Umgang mit Lebensmitteln ist eines der Kriterien für eine „ökofaire Gemeinde“.

Seit 20 Jahren behandle sie Öko-Themen, sagt Petra Steinert. Und genauso lange beobachtet sie, dass sich bei manchen Themen einfach nichts ändert. Als Beispiele nennt sie fair gehandelten Kaffee und Recycling-Papier, die beide deutlich mehr genutzt werden müssten.

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