Der Liebe eine Chance geben

Kurze Gespräche mit mehreren Kandidaten, um einen neuen Partner kennenzulernen oder Freundschaften zu knüpfen – das probiert eine Kirchengemeinde in Unna aus

Vikarin Nele Kaiser, die das Projekt „Speeddating in der Kirche“ (Speeddating: schnelles Kennenlernen) in der Evangelischen Kirchengemeinde Unna-Massen ins Leben gerufen hat, tritt ans Mi­krofon und begrüßt die Gäste, während das Helferteam noch eilig Tische und Stühle dazu holt. Mit einem so großen Andrang hatte niemand gerechnet. Für den Abend hat sie den Bibeltext aus dem Buch Genesis, Kapitel 2, Vers 18 herausgesucht: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“

Gegen Anonymität und Vereinsamung

Das Thema Beziehung beschäftigt Nele Kaiser seit vielen Jahren. „Die Vereinsamung und Anonymität in unserer Gesellschaft ist für viele ein Problem, es besteht eine tiefe Sehnsucht nach Gemeinsamkeit“, sagt die junge Theologin. „Ich denke, die Kirche muss sich verstärkt um diese Fragen kümmern und den Mut haben, auch mal moderne Wege zu gehen.“
Der Erfolg gibt ihr Recht – über 90 Menschen haben sich angemeldet. Die jüngste Teilnehmerin ist 20 Jahre alt, der Älteste wird bald 83. Damit sich die Gruppen nicht an einem Tisch festsitzen, werden die Plätze nach einigen Minuten auf Ansage getauscht.
Jascha steht noch etwas verlegen in der Türe des Gemeindesaals. „Meine Schwester hat mich überredet, zum Speeddating mitzukommen.“ Sie hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen auf Onlineportalen gemacht. Beide wollen heute Abend etwas Neues ausprobieren, nette Leute kennenlernen und gute Gespräche führen. Ob Jascha nicht hofft, eine Partnerin heute Abend zu finden? „Doch! Das wäre sehr schön…“ Er steckt sich sein grünes Namensschild an und setzt sich an den Tisch mit den unter 40-Jährigen.
Der 27-jährige Sven ist das erste Mal bei einem Speeddating. Er findet sich zwar attraktiv, aber er sei schüchtern. „Frauen wollen erobert werden“ – das falle ihm schwer. Er wendet sich wieder seiner Gesprächspartnerin Eva zu, beide lachen. Von seiner Schüchternheit ist nichts mehr zu merken.
Evas Freundin Henryka sitzt auch mit am Tisch, sie ist Jahrgang 1955. Am Ende hat sie die Telefonnummer eines 15 Jahre jüngeren Mannes in der Tasche. Sie hatte ihn darum gebeten. „Männer trauen sich oft nicht, einen konkreten Vorschlag für ein Wiedersehen zu machen. Da muss man als Frau schon selbstbewusst sein.“ Ob sie ihn anrufen wird, weiß sie noch nicht. „Aber es war ein schöner Abend und wir haben uns gut amüsiert. Nur stimmte leider das Verhältnis von Männern und Frauen nicht.“
Tatsächlich sind zu der Veranstaltung zwei Drittel Frauen und nur ein Drittel Männer gekommen. „Da fehlt dem anderem Geschlecht wohl der Mut“, meint Eva und legt ihren Arm um die Schultern ihres Tischnachbarn und zwinkert ihn an. Die Mehrheit der Gäste ist schon etwas älter, die größte Gruppe sind die 50- bis 70-Jährigen. Doch die Motive sind bei Alt und Jung dieselben.
Auch Manfred, 82 Jahre, wünscht sich seit dem Tod seiner Frau wieder eine Partnerin. „Mich hat die Einsamkeit hierher getrieben.“ Er habe den Wunsch nach der Nähe zu einer Frau noch nicht aufgegeben. Doch nun muss er seinen Platz wechseln.
Zum Ausklang des Abends gibt es eine Andacht. Das Lied der Toten Hosen „Ich bin die Sehnsucht in dir“ wird gespielt. Die Gespräche werden leiser, es wird still im Raum. Auch wenn nicht jeder hier auf Partnersuche ist, verbindet sie alle offenbar der Wunsch nach Zweisamkeit.
„Viele meldeten sich, weil sie neue Menschen treffen oder Freundschaften knüpfen wollen“, berichtet Nele Kaiser. „Sie haben uns zurückgespiegelt, dass sie den geschützten Rahmen in einer Kirchengemeinde gut finden. Gerade die Älteren wollen den anderen persönlich nicht online, sondern von Angesicht zu Angesicht kennenlernen.“ Aus den Nachbargemeinden kamen bereits Anfragen nach dem Konzept. „Das freut mich ganz besonders – kopieren ist absolut erwünscht!“, meint die Vikarin und verabschiedet die letzten Gäste.