Der Gemeindebrief zum Hören

Für Menschen mit Sehbehinderungen hat sich die St.-Markus-Gemeinde einen besonderen Service einfallen lassen: Der Gemeindebrief wird auf CD aufgenommen und in Senioren- und Blindenheimen verteilt.

Lübeck. Ihre Kaffeetasse verrät schon Aranka Leingangs Herzensanliegen: Sie zeigt zwei schwarze Schafe unter vielen weißen – ein Symbol für die Arbeit der Diakonin in der St.-Markus-Gemeinde in Lübeck, die alle Menschen mitnehmen will. Mit und ohne Handicap, mit und ohne Migrationshintergrund. Familien sollen sich genauso angesprochen fühlen wie Senioren, Reiche genauso wie Arme. Inklusion, also die Gemeinschaft aller, wird in der 5000 Mitglieder umfassenden Gemeinde am nordwestlichen Stadtrand Lübecks großgeschrieben.
Dieses Ziel verfolgt die Gemeinde schon seit Jahren: Nachdem sie ihre Räume barrierefrei umgebaut hatte, gründete sie 2008 das Projekt „Rückenwind“, eine Gruppe für Menschen mit und ohne Handicap. Die acht Mitglieder treffen sich einmal im Monat, um theologische sowie soziale Fragen zu diskutieren und Anstöße für inklusive Aktionen in der Gemeinde zu geben. Seit sechs Jahren gibt es beispielsweise an Heiligabend ein inklusives Krippenspiel. 25 Kinder ziehen dabei mit der Gemeinde durch den Stadtteil und spielen die Weihnachtsgeschichte nach. Rund 200 Menschen besuchen die Aufführung jedes Jahr.

Woher die Idee kommt

Ein aktuelles Projekt, das es vor einigen Jahren schon einmal gab und das Aranka Leingang jetzt wieder aufleben lassen will, ist der Gemeindebrief zum Hören. Auslöser dafür war eine Dame, die die Diakonin immer wieder nach Angeboten in der Gemeinde fragte. Leingang: „Sie kann unseren Gemeindebrief nicht selbst lesen. Eine Lösung musste her, damit auch Menschen wie sie von unseren Angeboten erfahren.“
So verteilte sie bereits im September zehn Audio-CDs in Senioren- und Blindenheimen im Umkreis. Die Rückmeldungen waren positiv. Und das Konzept dahinter ist einfach: Auf ihr Smartphone hat Aranka Leingang ein Programm mit dem Namen „Diktiergerät“ geladen, dessen Bedienfläche aussieht wie die Tasten eines Kassettenrekorders. Damit nimmt sie gemeinsam mit anderen Gemeindemitgliedern den Gemeindebrief auf. „Jeder liest eine Seite. Unsere Pastorinnen lesen ihr geistliches Wort, die Kinderseite wird von einem Kind oder einem Jugendlichen gelesen. Auch Teilnehmer aus der Rückenwindgruppe machen mit“, erklärt Aranka Leingang. Hat sie alle Seiten „im Kasten“, verschickt sie die Dateien per E-Mail an einen ehrenamtlichen Mitarbeiter, der aus den O-Tönen eine CD erstellt.

Die Gottesdienst-Tabelle – eine Herausforderung

Am Feinschliff arbeitet die Diakonin derzeit noch, denn nicht jede Seite im Gemeindebrief lässt sich eins zu eins in gesprochene Sprache übertragen. So stellt die Tabelle mit den Gottesdienst-Angeboten eine Herausforderung dar. „Die einzelnen Spalten mit Datum und Uhrzeit einfach herunterzulesen, bringt unseren Hörern nichts. Da müssen wir noch eine geeignete Form finden.“ Außerdem möchte die Diakonin den Gemeindebrief zum Hören gern auf der Internetseite der Gemeinde verlinken.
Ginge es nach Diakon Jörg Stoffregen vom „Netzwerk Kirche inklusiv“ wäre es längst Standard, dass Sehbehinderte sich Gemeindebriefe auf Internetseiten vorlesen lassen können. „Erstellt man eine Text-Datei fürs Internet, muss man lediglich ein paar technische Dinge beachten. Dann kann jeder Sehbehinderte sich das Dokument über ein automatisches Lesesystem vorlesen lassen.“ Stoffregen appelliert deshalb an Kirchengemeinden, sich vor der Erstellung ihrer Internetseiten entsprechend beraten zu lassen.