Der Flüchtling, der den Chor von Belitz leitet

Zuhause in Syrien war er Sänger an der Oper. Jetzt leitet der Flüchtling Hussain Atfah einen Chor in MV – mit großem Erfolg. Bald gibt’s ein Konzert.

ludewig

Belitz. Zugegeben: Noch ist Hussain Atfah kein international bekannter Opernsänger, aber in Belitz bei Teterow hat er bereits eine Menge Fans. Der junge Syrer kam im Herbst 2015 in die Flüchtlingsunterkunft im benachbarten Jördenstorf, nachdem er sich mit seinem Cousin über die Türkei, Griechenland und die Balkanstaaten bis nach Deutschland durchgeschlagen hatte. In Damaskus hatte er als Bariton an der Oper gearbeitet und dort Mozart, Händel, Puccini oder Bach gesungen. Im Flüchtlingsheim war es für ihn unmöglich, Klavier zu spielen und seine Stimme zu trainieren – aber er hatte eine Idee. Und so tauchte der quirlige 27-Jährige eines Sonntags im November 2015 vor der Kirche in Jördenstorf auf, fragte nach Pastorin Milva Wilkat und berichtete ihr von seinem Wunsch, weiter Musik zu machen.
Milva Wilkat bot ihm an, im Pfarrhaus in Belitz zu proben. Sozusagen als Dankeschön gestaltete Hussain Atfah den Gottesdienst am Ewigkeitssonntag musikalisch mit und brachte sich immer mehr in die Chorarbeit der Gemeinde ein. „Irgendwann haben wir dann beschlossen: Bevor Hussain woanders hingeht, wollen wir noch ein großes Konzert mit ihm veranstalten – schließlich kommt es nicht oft vor, dass wir einen echten Profimusiker aus dem Ausland bei uns haben“, erzählt die Pastorin.

"Viel lustiger und lebendiger mit ihm"

Dafür gründete sich extra ein Projektchor, in dem rund 40 Frauen singen. Einmal pro Woche treffen sie sich im Pfarrhaus in Belitz zur Probe. Mit dabei ist auch Sarah Bongardt. Die 36-jährige Belitzerin hat schon in einigen Chören gesungen, aber so einen Chorleiter wie Hussain Atfah hatte sie zuvor noch nie erlebt: „Es ist definitiv sehr viel lustiger und lebendiger mit ihm. Außerdem fordert und motiviert er uns auf so eine wunderbare Art, dass wir jedes Mal erstaunt sind, was er alles aus unseren Stimmen herausholen kann.“
Auch Milva Wilkat, die ebenfalls im Projektchor mitsingt, ist von Hussain Atfahs Arbeit begeistert: „Das Schöne ist, dass der Chor trotz der Sprachbarriere einfach super funktioniert. Einige aus dem Chor können kein Englisch und Hussain spricht kaum Deutsch, aber weil er mit Herz und Leidenschaft dabei ist, springt der Funke über und wir verstehen uns auch so.“
Diese Energie und Begeisterung wird auch beim Konzert am 3. Juni um 19.30 Uhr in der Belitzer Kirche auf das Publikum übergehen, ist sich die 31-Jährige sicher. Auf dem Programm stehen dann neben kirchlichen Liedern wie „Ave Maria“ und „Kyrie eleison“ auch Volksweisen aus Syrien, Russland oder Schottland. Das Verbindende zwischen den einzelnen Liedern ist, dass sie von Krieg und Frieden erzählen – zwei Themen, die auch in Hussain Atfahs Leben eine große Rolle spielen. In den Stücken, die er selbst ausgesucht und arrangiert hat, soll der Gegensatz zwischen Hell und Dunkel zum Ausdruck kommen, wobei sich diese beiden Komponenten nicht immer trennen ließen: „Ich wollte, dass zwischen den tiefen Tönen hohe Töne hervorleuchten und sich in die hohen Partien auch dunkle Stimmen mischen, denn im Leben gibt es kein einfaches Schwarz und Weiß“, erklärt er seine Herangehensweise.

Christen und Moslems singen gemeinsam

Er suche auch nicht den makellosen Klang bei seiner Arbeit mit dem Chor, weil erst die kleinen Fehler und Eigenheiten der Hobbysängerinnen die Musik zum Leben erwecken, wie er findet. „In unserer heutigen Welt, vor allem auch in der Musikwelt, muss immer alles perfekt sein, aber dabei bleiben die Individualität und die Seele auf der Strecke.“
Viel wichtiger sei ihm, die Gefühle, die in der Musik liegen, für Sänger und Zuhörer erfahrbar zu machen. „Das ist bei den Stücken aus meiner Heimat eigentlich sehr einfach, denn wie die russische Musik ist sie sehr wehmütig, leidenschaftlich und emotional“, meint Hussain Atfah. Ein Leben ohne Musik und Singen kann sich der Syrer nicht vorstellen: „Das gehört für mich zum Leben dazu, so wie schlafen, essen oder atmen.“
Genauso wichtig sei ihm der Glaube an Gott. Aufgewachsen als Moslem habe er für sich allerdings eine „besondere Art“ der Religion entwickelt. So stelle es für ihn auch kein Problem dar, mit Christen in einer Kirche gemeinsam Musik zu machen und mit ihnen „Ave Maria“ zu singen. „Ich respektiere alle Gläubigen und setze mich für religiöse Toleranz ein – so kenne ich es aus meiner Familie und aus Damaskus. Dort ist es zum Beispiel für muslimische Künstler ganz normal, auch in Kirchen aufzutreten, denn meistens sind die Christen dort sehr nett und aufgeschlossen. Und mit meinem christlichen Nachbarn in Damaskus habe ich mich oft zum Essen und Musizieren getroffen – in der Adventszeit haben wir dann sogar gemeinsam Weihnachtslieder angestimmt“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Er will zurück nach Syrien

Nach dem Konzert im Juni wird Hussain Atfah nach Lübeck weiterziehen, um dort an der Musikhochschule zu studieren. Möchte er für immer in Deutschland bleiben? „Belitz ist für mich zur zweiten Heimat geworden, und ich bin sehr dankbar für all die netten Leute, die mich hier unterstützt und mir geholfen haben. Aber meine Frau und meine Familie leben noch in Syrien und ich glaube, mein Land braucht mich. Sobald es dort also wieder sicher ist, will ich zurückkehren.“ Bis dahin habe er sich aber vorgenommen, den Menschen hier seine Botschaft von der Musik und der Freude am Leben weiterzugeben: „Schaut euch doch um, was für ein Glück ihr habt: The sun is shining, life is beautiful and everything is okay!“ (Die Sonne scheint, das Leben ist schön und alles ist in Ordnung.)