Der Chor der Bambusflöten lebt wieder auf

Es sind einzigartige Klänge: In Güstrow probt ein Bambusflöten-Chor einmal im Monat. Der Chor hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich – und eine jahrzehntelange Pause.

Güstrow. Nur eine der noch heute zusammen Musizierenden hat die Gründung der Bambusflötengruppe am 6. Januar 1942 selbst miterlebt: Ilse Russow. Damals wurden mit Charlotte Schulz erstmals Flöten gebaut und darauf gespielt. Charlotte Schulz hatte in Jena studiert und an vielen Orten in Deutschland bis dahin Weiterbildungen im Bambusflötenspiel durchgeführt. Als die Lehrerin in Güstrow kriegsdienstverpflichtet wurde, arbeitet sie halbtags auf dem Finanzamt, pflegte ihren Vater und kümmerte sich um junge Chormitglieder, die auf der Bambusflöte spielten.
„Sie hatte einen straffen Knoten, der ihr krauses Haar zusammen hielt und immer eine Brottasche um“, erinnern sich die Damen, die damals als Kinder von Charlotte Schulz zum Flötenspiel auf der Bambusflöte angeleitet wurden. Zuerst habe sich jeder eine Flöte selbst herstellen müssen. War kein Bambus vorhanden, nahm man einfach Sonnenblumenrohr. Da das Spiel auf der Bambusflöte nach Zahlen unterschiedlicher Farben erfolgt, ist es recht schnell erlernbar. Ein Ton nach dem anderen wurde erlernt, bis man alle Stufenzahlen vier- und fünfstimmig spielen konnte. Bis heute werden übrigens Bambusflöten per Hand hergestellt.

Musik gegen Essen

Auch Sieglinde Wintzer gehörte damals zu den Kindern, die Charlotte Schultz zum Musizieren zusammen holte. „Sie hat uns Rhythmik beigebracht und biblische Geschichten mit Laienspiel untermalt. Diese Laienspiele hat sie alle selbst geschrieben“, erinnert sie sich. Jedes Jahr habe die Musiklehrerin ein Musik-Lager organisiert, bei dem die Teilnehmer morgens mit Flötenklängen geweckt wurden. Auf dem Boden einer Pfarrscheune  wurde geschlafen. Und schließlich spielten sie unter anderem bei Bauern vor, um etwas zu essen zu bekommen. Charlotte Schulz hatt in ihrer Arbeit eine Nische gefunden. Denn kirchliche Jugendarbeit war zur Zeit des Nationalsozialismus verboten, aber Kirchenmusik nicht. Ilse Russow, die heute auch noch dabei ist, hat damals oft gekocht.
„Nach 1948 waren wir 250 Leute im Chor“, erzählt die heute 83-Jährige. Dabei haben sich viele Aktivitäten um den Bambusflötenchor gedreht. Beispielsweise sind sie am Morgen des ersten Advents mit ihrer Leiterin singend durch die Stadt gezogen. „Bis es die Polizei verboten hat“, sagen die, die es miterlebt haben. Die Kinder haben nicht nur zusammen musiziert. Viele andere Aktionen wurden von Charlotte Schulz angeregt. „Wir haben den Heidberg kennengelernt, Blumen gesammelt und gepresst“, berichtet Wibke Diehl aus Mühl Rosin. Ein Höhepunkt war 1956 eine Fahrt zu Auftritten in den „Westen“.
Irgendwann hatten sich viele der Gruppe aus den Augen verloren, weil jeder seinen Weg in eine andere Richtung einschlug. Einige wenige trafen sich bei Ilse Russow in der Wohnung. Doch 2002, zum 60. Chorgeburtstag, ergriff Sieglinde Wintzer die Initiative.  Sie bemühte sich,  ehemalige Flötenspieler wieder zu finden. Zu diesem Jubiläum waren zahlreiche Gäste gekommen, auch aus dem Ausland. Das war für sie Grund genug, sich weiterhin regelmäßig zu treffen. Die Wohnung wurde bald zu eng, denn immer mehr kamen dazu. So hielten sie Ausschau nach jemandem, der die Leitung der Gruppe übernehmen könnte.

In Planung: Auftritte im Gottesdienst

Birgit Schaub wurde 2012 gefragt, ob sie sich dies vorstellen könnte. „Wenn ich das mache, dann muss ich auch eine Ausbildung dafür absolvieren“, sagte die zweifache Mutter aus Güstrow. Zwei Jahre setzte sie sich in Berlin auf die Schulbank und ist nun Bambusflötenbauerin und -lehrerin.
So treffen sich die Mitglieder einmal im Monat, inzwischen in den Gemeinderäumen der Pfarrkirche, wo Charlotte Schulz einst die Arbeit begonnen hat.  „Ich freue mich immer sehr darauf. Die Musik ist einfach schön“, sagt Gerda Magholder, die immer aus Bad Kleinen anreist. Und noch immer finden sie mal wieder einen, der zu dieser Gruppe gehört hat. Erst kürzlich erfuhr Edgar Heldt mehr zufällig, dass sich die Gruppe wieder trifft und kommt seitdem dazu. „Wir möchten auch gern wieder regelmäßig Auftritte im Gottesdienst planen“, erzählt Birgit Schaub. Dafür brauchen sie auch Helga Manske, die auf Plakaten die dafür notwendigen Zahlen aufschreibt.
Die Gruppe würde sich sehr über Nachwuchs freuen. Wer Interesse hat, erfährt immer im aktuellen Gemeindebrief der Pfarrkirchengemeinde, wann sich die Gruppe das nächste Mal trifft.
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