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Chatbot statt Zeitzeugen?

„Von KI habe ich keine Ahnung“, sagt der Nürnberger Zeitzeuge Ernst Otto Krakenberger (Jahrgang 1940) vor Schülerinnen, Schülern und Eltern des Johannes Scharrer Gymnasiums in Nürnberg. Gutgelaunt fügt er an: „Ich finde einen KI-Chatbot wunderbar, aber ich kann nichts damit anfangen.“ Der gebürtige Niederländer erzählt an diesem Abend erneut seine Geschichte. Seine jüdischen Eltern waren erfolgreich im Nürnberger Hopfenhandel aktiv, bis sie nach den Novemberpogromen der Nazis in die Niederlande flohen. Seit Kurzem lässt sich Krakenbergers Geschichte auch digital aufrufen. Dann erzählt er seine Geschichte im Video oder antwortet als KI-Chatbot auf Fragen.

Für die 18-jährige Karla vom Scharrer Gymnasium ist der reale Auftritt des Zeitzeugen „beeindruckender, als nur Texte zu lesen“. Sie hatte zuvor mit ihrem Deutschkurs der 12. Jahrgangsstufe den KI-Chatbot von Krakenberger getestet. Der reale Lebensbericht habe sie aber mehr mitgenommen: „Aber die Zeitzeugen sterben aus, daher ist ein Chatbot sinnvoll.“

Eine ähnliche Reaktion kommt von der 18-jährigen Bianca: „Live ist immer besser als KI“, so ihr Fazit. Aber das Online-Angebot helfe, „Erinnerungen zu bewahren, damit das Gedenken an den Holocaust nicht verloren geht“. Und auch die 17-jährige Julia stimmt ihr zu. Seit der 9. Klasse sei die Erinnerungskultur ein Thema in der Schule. Dazu hätten die Schülerinnen und Schüler historische Orte in Nürnberg und Berlin besucht und eine Führung im Konzentrationslager Dachau mitgemacht. „Einem Zeitzeugen zuzuhören, ist aber immer eindrucksvoller. Sonst kann man es sich nicht so gut vorstellen.“ Bei seinem Vortrag in der Schulaula ist ihr auch der Humor von Krakenberger positiv aufgefallen.

„Wir wollen Haltungen stärken, die sich gegen Antisemitismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit positionieren“, erläutert der Deutsch- und Geschichtslehrer Michael Veeh. Er ist zugleich wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Dort forscht er unter anderem zu neuen Lehr- und Lernansätzen im Zeitalter der Digitalisierung und zu antisemitismuskritischer Bildung im Deutschunterricht.

Es gehe um „entdeckendes Lernen“, so Veeh weiter. Das könne man aber nicht in einer einzigen Unterrichtsstunde abbilden. Veeh verfolgt eher einen ganzheitlichen Ansatz und greift das historische Thema auch in seinem Deutschunterricht auf. „Erinnerung findet in Geschichten von Menschen statt“, ist er sich sicher. Deshalb thematisiert er beispielsweise, wie über schwierige Erfahrungen gesprochen wird.

Krakenberger selbst spricht erst seit ein paar Jahren über seine persönliche Geschichte. Dabei fühlt er sich der im letzten Jahr verstorbenen Zeitzeugin Margot Friedländer und ihrer Mahnung „Erinnerung an den Holocaust für junge Menschen lebendig halten“ verpflichtet. „Meine Eltern haben nicht gern über ihre KZ-Zeit gesprochen.“ Die Krakenbergers brachten ihren Ende 1940 in den Niederlanden geborenen Sohn bei den befreundeten Stockmanns unter, wurden aber selbst deportiert. Ihr Sohn wurde von Stockmanns Tochter Maja als uneheliches Kind ausgegeben und überstand so die Besatzung durch die deutsche Wehrmacht. Nur seine Mutter habe mal bei einer Wanderung über ihre Zeit als Küchenhilfe in einem Lager gesprochen. „Sie hatte ein schreckliches Trauma, weil Frauen in Stiefeln sie immer an die Aufseherinnen im Lager erinnerten.“

Eigene Erinnerungen an die NS-Zeit hat der Zeitzeuge kaum. Er kann sich noch an das Kriegsende erinnern, als es Suppe aus Brennnessel gab und US-Flieger Lebensmittel über den Niederlanden abwarfen. Weil er wenig von seinen Eltern erfahren hat, liest er aus den Erinnerungen seiner Ziehmutter Maja vor, die zu seinem 50. Geburtstag ihre Erinnerungen an den „kleinen Ernie“ aufgeschrieben hatte. Maja Stockmann wurde 2011 als „Gerechte unter den Völkern“ in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen.

Anfang des Jahres will sich Veehs Deutschkurs mit den unterschiedlichen Formen der Erinnerung für Gegenwart und Zukunft weiter auseinandersetzen. Dabei geht es auch um die Nachbesprechung, was ein noch lebender Zeitzeuge und was das Abbild als KI-Chatbot leisten kann. Der virtuelle Krakenberger ist ein Projekt zum „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ der LMU und hat anders als herkömmliche KI-Sprachmodelle deutliche Grenzen. Wer etwa den Krakenberger-Chatbot nach seiner Rolle als „digitaler Zeitzeuge“ fragt, bekommt keine Antwort. Das findet Veeh gut, denn sonst würde es irgendwann vielleicht mal anfangen „zu halluzinieren“. Das wäre genau das Gegenteil von dem, was man mit dem Projekt im Unterricht erreichen will. (0048/09.01.2026)