Bildgewaltiges aus Italiens Lagunenstadt

Der italienische Maler Tintoretto revolutionierte in der Spätrenaissance die führende venezianische Kunst-Szene. Sein Frühwerk zeigt das Kölner Wallraf-Richartz-Museum anlässlich des 500. Geburtstags des Meisters 2018

Marco Beck Peccoz

Der junge Jacopo Tintoretto (1518-1594) war kein Mann der Bescheidenheit. „Er wollte die venezianische Malerei revolutionieren, nicht weniger“, sagt der Kölner Tintoretto-Experte und Ausstellungskurator Roland Krischel. Geboren als Jacopo Robusti und Sohn eines Färbers in Venedig gehörte Tintoretto der politisch machtlosen Schicht der „popolani“ an. Doch Tintoretto wollte nichts anderes als ein Star werden und maß sich von Beginn an mit den ganz Großen der italienischen Malerei.

Das „Färberlein“ will und kommt hoch hinaus

Dass ihm dies gelang, beweist der Ausstellungs-Reigen, mit dem der italienische Maler 500 Jahre nach seiner Geburt in Museen in Venedig, Paris oder Washington gefeiert wird. Den Auftakt aber macht das Kölner Wallraf-Richartz-Museum, das sich unter dem Titel „Tintoretto – A Star was Born“ bis zum 28. Januar auf die Spuren des jungen Malers begibt. Dazu zeigt das Haus rund 70 Arbeiten aus dem Frühwerk – Leihgaben aus Museen in Europa und den USA. Gezeigt werden aber auch Werke aus Privatsammlungen, von denen bislang nur Schwarz-Weiß-Fotografien bekannt waren.
„Wir haben jedem Leihgeber versprochen, dass er sein Bild mit einem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zurückerhält“, erklärt Krischel die Bereitschaft der Eigentümer, zum Auftakt des Jubiläumsjahrs hochkarätige Werke nach Köln zu schicken. Tatsächlich fördert die Ausstellung eine Reihe neuer Erkenntnisse zutage.
So fand Krischel unter anderem heraus, dass ein großformatiges Gemälde mit dem Titel „Liebeslabyrinth“ nicht etwa wie bislang angenommen vom flämischen Maler Lodewijk Toeput stammt, sondern von Tintoretto. Das Gemälde von 1538 zeigt ein kreisförmiges Labyrinth aus Hecken in einer weitläufigen Parklandschaft, in der Menschen spazieren gehen, spielen, an Tischen speisen oder tanzen. In der Ferne zeigen sich die Dachkuppeln einer prächtigen Stadt. Schon in diesem frühen Gemälde deutet sich an, dass Tintoretto das Bild als große Bühne begreift.
Das Venedig der Spätrenaissance ist für junge Maler kein einfaches Pflaster, denn es gibt ein Überangebot an qualitativ hochwertigen Gemälden. Der junge Tintoretto, der seinen Namen „Färberlein“ in Anspielung auf den Beruf seines Vaters erhält, drängt von Anfang an in den Markt, indem er auffallen will. Er setzt sich von der flächigen Malerei seiner Konkurrenten ab und experimentiert mit ungewöhnlichen Perspektiven, durch die er auch ungewöhnliche Tiefenwirkungen erzielt.
Durch Hell-Dunkel-Effekte erreicht Tintoretto, dass seine Figuren dem Betrachter förmlich entgegenzukommen scheinen. So zum Beispiel in dem Gemälde „Die Fußwaschung“ (um 1539), ebenfalls ein vor der Kölner Ausstellung neu entdecktes Tintoretto-Werk. Der auf dem Boden kniende Jesus, der seinen Jüngern die Füße wäscht, tritt hell beleuchtet, in einem roten Gewand und mit einem um die Hüften gebundenen weißen Tuch aus dem Dunkel hervor.
Tintoretto scheut sich nicht, Anleihen bei dem berühmten Michel­angelo vorzunehmen. Ein Stich nach einem Detail der Sixtinischen Kapelle beweist, dass Michelangelos Ezechiel Vorbild eines sich zur Seite neigenden Apostels in Tintorettos Gemälde war. Damit demonstriert er zugleich, in welcher Liga er zu spielen gedenkt. Angesichts der künstlerischen Überkapazitäten in Venedig übernahm Tintoretto wie viele andere Maler in jungen Jahren eher handwerkliche Auftragsarbeiten. Doch auch dabei trieben ihn Ehrgeiz und das Streben nach Höherem.
Die Ausstellung wirft auch Fragen auf, die im Tintoretto-Jubiläumsjahr weiter diskutiert werden dürften. Denn die Zuordnung von Werken Tintorettos und anderer Maler stellt die Kunsthistoriker immer wieder vor Probleme. Die Schau erklärt, warum das so ist, indem sie einen Blick auf Werkstattwirklichkeit und die vielfältigen Formen der Arbeitsteilung zur Zeit Tintorettos wirft. So arbeitete Tintoretto in seiner frühen Zeit, wie viele andere Maler, auch als Subunternehmer für bekanntere Kollegen. Später beschäftigte er selbst einen Assistenten, der zum Teil Werke beendete, die der Meister begonnen hatte.
Anschaulich wird die Problematik der Zuordnung an den Werken von Giovanni Galizzi, einem weitgehend unbekannten Maler, der etwa zehn Jahre in unterschiedlicher Form mit Tintoretto zusammenarbeitete. Die Ausstellung präsentiert Gemälde Galizzis, die ihn geradezu als Double Tintorettos erscheinen lassen. Sie galten lange Zeit als Tintorettos Werke und wurden Galizzi erst Mitte der 1990er Jahre zugeschrieben

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat ist das Museum von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Internet: www.wallraf.museum: Weitere Informationen zur Ausstellung: http://www.wallraf.museum/ausstellungen/aktuell/2017-10-06-tintoretto/.