Anne Christine Manawa Nougho erinnert sich noch gut an den halb flehenden, halb ängstlichen Blick der jungen Mutter, als diese sie kurze Zeit nach der Geburt fragte, ob die Hebamme den „alten Zustand“ wieder herstellen könne. Sie meinte das Zunähen ihres Genitals. Als Kind schon hatte man der afrikanischstämmigen Frau Schamlippen und Klitoris entfernt und die Wunde bis auf ein kleines Loch zugenäht. Infibulation lautet der medizinische Fachbegriff für diese schwerste Form von „Female genital mutilation/cutting (FGM/C)“, weiblicher Genitalverstümmelung.
Am 6. Februar ist Internationaler Tag gegen FGM/C. Laut dem Kinderhilfswerk Unicef sind weltweit rund 230 Millionen Frauen und Mädchen von Beschneidung betroffen. Allein in Deutschland leben einem Bericht des Bundesfamilienministeriums zufolge schätzungsweise 86.500 Frauen und 11.100 Mädchen, die beschnitten sind. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat für die einzelnen Bundesländer Zahlen erhoben. Danach leben allein in Nordrhein-Westfalen 22.000 genitalverstümmelte Frauen, in Bayern 17.500 und in Niedersachsen rund 8.000.
Hebamme Anne Christine Manawa Nougho betrachtet diese Zahlen auf einem Bildschirm in einem nüchtern eingerichteten Besprechungsraum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sie hat sie schon oft gesehen, schon oft darüber gesprochen, aber sie rufen nach wie vor Kopfschütteln bei ihr hervor. Mit Blick auf die Kurven und Grafiken empfindet sie es als „zwingend, Aufklärungsarbeit zu leisten“. Die gebürtige Kamerunerin ist Doktorandin bei Professorin Mechthild Groß.
Groß als Leiterin der Forschungs- und Lehreinheit für Hebammenwissenschaft an der Medizinischen Hochschule und Manawa Nougho behandeln das Thema FGM/C schon seit Längerem in ihren Vorlesungen. Manawa Nougho hat Folien über die Fakten vorbereitet. Wenn sie vor Studierenden im Hörsaal über die Verbreitung, die Formen und Auswirkungen in Zusammenhang mit FGM/C spricht, wird es jedoch bei allem Bemühen um Sachlichkeit oft emotional: Die Studentinnen seien teils so entsetzt, dass sie mit den Tränen kämpften, schildert Manawa Nougho.
Doch es führt kein Weg an dem Thema vorbei: In einer multikulturellen Gesellschaft sei es für Hebammen wichtig, über den Umgang mit Sexualität, Schwangerschaft und Geburt in anderen Kulturkreisen informiert zu sein, sagt Groß. Ihnen komme schließlich zentrale Bedeutung bei der Prävention zu: „Sie sind Hauptbezugspersonen für Schwangere, Gebärende und Mütter von Neugeborenen. Die Frauen vertrauen ihnen“, unterstreicht die Professorin. Aus dieser Position heraus könnten Hebammen werdende Mütter aufklären und dafür sorgen, dass später zumindest deren Töchter vor Beschneidung geschützt werden.
In Deutschland stellt das Strafgesetzbuch unter Paragraf 226a weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe. Es sei daher auch verboten, von Infibulation betroffene Frauen nach einer Geburt in Deutschland so wieder zuzunähen, dass nur ein kleines Loch bleibe, erläutert Manawa Nougho. Doch zum Teil würden Frauen und Mädchen für FGM/C-Rituale auch ausgeflogen.
Weibliche Genitalverstümmelung ist vor allem in Afrika, aber auch in Teilen des Mittleren Ostens und Asiens verbreitet. Teilweise werden schon neugeborene Mädchen beschnitten.
Dahinter steckten weniger religiöse Gründe. Vielmehr gehe es um Diskriminierung durch eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft, erläutert Manawa Nougho: „Mädchen und Frauen sollen abgewertet werden.“ Dazu gehöre ein Leben mit Dauerschmerz, der ihnen zudem den Sex verleide. So solle vermieden werden, dass sie sich anderen Männern als ihrem Ehemann zuwenden. Neben der Infibulation gibt es noch die Klitoridektomie, bei der die äußerlich sichtbaren Teile der Klitoris entfernt werden, sowie die Exzision. Dabei werden zusätzlich auch die Schamlippen entfernt oder verstümmelt.
Die Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung sind Vernarbungen, Infektionen und Probleme beim Sex, Wasserlassen und Menstruieren. Zum Schmerz komme die Scham – und die Angst vor Berührungen bei vaginalen Untersuchungen. Daher könne eine natürliche Geburt das Trauma der Beschneidung wieder hochkommen lassen, führt Manawa Nougho an. Das wiederum könne dazu führen, dass die Mutter das Kind ablehne. Umso wichtiger sei es für Geburtshelferinnen, schon im Vorfeld durch Gespräche und Aufklärung über die Entbindung Vertrauen aufzubauen und den Frauen ein Gefühl von Sicherheit, Respekt und Geborgenheit zu vermitteln.