Eine Arte-Dokumentation blickt in Putins verborgene Waffenkammern und zeichnet die “hybride Achse” zwischen Russland, Iran, Nordkorea und China nach.
Der Youtube-Imagefilm zeigt eine lächelnde Afrikanerin, die mit einem kleinen Köfferchen im russischen Alabuga aus dem Flieger steigt. Der jungen Frau wurde ein lukrativer Job versprochen, außerdem lächelt ihr ein Traumprinz zu. Etwa 1.000 junge Migrantinnen aus Tansania, Äthiopien und Mali sind diesem süßlichen Lockruf in die russische Sonderwirtschaftszone, rund 1.000 Kilometer südöstlich von Moskau, gefolgt. Doch statt wie versprochen im Gastgewerbe oder Cateringbereich beschäftig zu werden, müssen die Afrikanerinnen ihre Pässe abgeben und in einer geheimen Fabrik Drohnen zusammenbauen.
Diese Ausbeutung ist obendrein lebensgefährlich: Die Ukraine startet regelmäßig Luftangriffe auf jene Fabrik, in der die Drohnen gebaut werden, die tagtäglich Menschen in ukrainischen Städten töten. Eigentlich sollte ja ein umfassendes Wirtschaftsembargo – verhängt nach dem Überfall auf die Ukraine – Russland von jenen Hightech-Ressourcen abschneiden, die zur Massenproduktion solcher Waffen erforderlich sind. Die Arte-Doku verdeutlicht jedoch, dass diese Maßnahmen das Gegenteil bewirkten. Durch das Embargo wurde die russische Kriegswirtschaft regelrecht befeuert. Von diesem Boom profitieren nicht die einfachen Bürger, denn die aufgewendeten finanziellen Mittel fließen nur in die Rüstung.
Die beiden französischen Journalisten Hugo Van Offel und Martin Boudot, bekannt für ihre preisgekrönten Arbeiten zu geopolitischen Konflikten, schlagen in ihrem Film einen weiten Bogen von der Gründung der Roten Armee über den Zusammenbruch der Sowjetunion – bei dem alle Atomwaffen der einstigen Sowjetstaaten an Russland abgeliefert wurden – bis hin zu jenen abenteuerlichen Schleichwegen, auf denen der Kreml gegenwärtig das Embargo umgeht.
So zeigt der Film, dass jene Fabrik in Alabuga, in der die sogenannten Shahed-Drohnen produziert werden, aus dem Iran geliefert wurde, und zwar “schlüsselfertig”. Neben den Mullahs kooperiert Russland aber auch eng mit Nordkorea. Das totalitäre Regime von Kim Jong-un liefert Raketen, Soldaten und darüber hinaus “viermal mehr Munition an die Russen als die gesamte EU an die Ukraine”. Mit China, so zeigt der Film, gibt es ebenfalls eine enge Kooperation. Die kommunistische Regierung liefert militärisch nutzbare Technologien und ist obendrein ein nicht kontrollierbarer Transitmarkt für sonstige Hochtechnologien, die unter das Embargo fallen.
Finanziert wird diese Expansionspolitik dank sprudelnder Geldquellen. Zwanzig Milliarden Dollar scheffelt Russland durch Ölexporte – und zwar jeden Monat. Allein in London besitzen Russen mit engen Verbindungen zu Putin Immobilien im Wert von drei Milliarden Pfund Sterling. Und wenn die Wechselwirkung zwischen Rohstoffgeschäften und der Entwicklung neuer Waffen zuweilen stagniert – etwa bei der “Hyperschallrakete”, die hinter den Erwartungen zurückblieb, weil sie abgefangen werden konnte -, dann lässt Putin die verantwortlichen Ingenieure verhaften.
Die gesamte Entwicklung, so verdeutlichen Van Offel und Boudot, ist längst nicht mehr auf den Ukrainekriegs oder lokale Konflikte beschränkt. Der Kurs, den der Kreml durch die “hybride Achse” zwischen Iran, Nordkorea, Belarus, Syrien und China eingeschlagen hat, wird womöglich nicht mehr zurück zu einer friedlichen Kooperation mit demokratischen Staaten führen. Bei der jährlichen Militärparade in Moskau zeigten Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping sich “so nahe wie nie zuvor”.
Die Dokumentation formuliert eine düstere Prognose. Die Eintracht zwischen Russland und China “geht über das Militärische hinaus”. Beide Länder “wollen eine neue Weltordnung schaffen”. Sergey Karaganov, einflussreicher russischer Politikwissenschaftler und Berater im Umfeld von Wladimir Putin, erklärt in diesem Sinn: “Unsere europäischen Nachbarn sind verrückt geworden. Deshalb müssen wir sie zerschlagen”. Europa, so fügt er hinzu, “wird nie wieder eine Rolle spielen. Denn wir brauchen es nicht”. Wiederholt hat Karaganov von der “Entwestlichung der Welt” gesprochen.
Ist das bloßes Säbelrasseln oder eine ernstzunehmende Gefahr? Auf diese Frage gibt der dicht argumentierende Film eine vielstimmige, keineswegs einfache Antwort. Der belgische Ermittler Damien Spleeters, Experte für illegale Rüstungslieferungen, der ehemalige Kreml-Bankier Sergej Pugatschow sowie der berüchtigte Waffenhändler Wiktor But legen dar, wie das System Putin funktioniert: durch Erpressung, Schweigepflicht – und die Bereitschaft, jeden Widerstand zu brechen.
Direkt im Anschluss zeigt Arte als TV-Premiere “Ein Nobody gegen Putin”, eine sehenswerte Doku über Putins Propaganda mit geheim gefilmten Aufnahmen.