Dennis hat Alfreds Frau totgefahren. Um seine Bewährungshelferin milde zu stimmen, sucht er Kontakt zu Alfred – der keinerlei Erinnerung an den Unfall hat. Feinfühliges Drama um Schuld, Sühne und Vergebung.
Dennis versucht, sich freizukaufen. Für 900 Euro: Er hat eine Frau tot gefahren, in einem Moment des jugendlichen Leichtsinns. Alfred, der Mann der Toten, erlitt dabei ein Schädel-Hirn-Trauma: Er hat keinerlei Erinnerung an den Unfall, weiß nicht einmal mehr, dass er einst eine Frau hatte, verbringt seine Tage malend in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung.
Dennis kauft nun Alfred eines seiner farbenfrohen, poppigen, naiv anmutenden Bilder ab. Die entsprechende Quittung beeindruckt seine Bewährungshelferin allerdings wenig; seinen Führerschein bekommt er vorerst trotzdem nicht zurück. Sie will sehen, dass sich Dennis wirklich auseinandersetzt mit dem, was zwei Jahre zuvor passiert ist, mit seiner Schuld und Verantwortung.
Von diesem Weg hin zu einer Versöhnung, auch und gerade mit sich selbst, handelt “Die Frau in Blau”, den das Erste am 21. Januar um 20.15 Uhr ausstrahlt. Die mehrfach preisgekrönte Drehbuchautorin Ruth Toma, die für tiefschürfende, feinfühlig und unterhaltsam transportierte Geschichten steht, hat ein wunderbares Buch geschrieben, in dem kein Wort zu viel, aber auch keins zu wenig steht. Dies sowie die souverän-sensible Regie von Rainer Kaufmann halten die tieftraurige Story mit komischen Momenten sowie einem leichten, teils gar heiteren Ton in liebevoll austarierter Balance.
Grundlage für alles aber sind die vielschichtig-überzeugend gezeichneten und gespielten Figuren: So scheint Dennis zunächst ein oberflächlicher Egoist ohne Zugang zu seinen Gefühlen zu sein, der sich möglichst schnell und geräuschlos dieser unangenehmen Sache zu entledigen sucht. Doch der Eindruck wandelt sich: Irgendwann besucht Dennis Alfred nicht mehr nur, um seinen Führerschein wiederzubekommen, sondern weil er helfen will, ihn in sein Herz geschlossen hat, Verantwortung übernimmt.
Klar, das schlechte Gewissen schwingt mit. Und es wird nicht kleiner dadurch, dass Alfred vom Unfall nichts weiß, in Dennis einfach einen guten neuen Freund sieht. Es wird aber eher erträglich durchs Nicht-mehr-davonlaufen, sich der Vergangenheit stellen, durch das eigene Tun. Jonas Nay spielt diesen jungen Mann in all seinen Facetten wahnsinnig präzise und gut.
Dazu gesellt sich Nairi Hadodo als Dennis’ Ex-Freundin Luana, die mit im Auto saß, als der Unfall passierte, ebenso Schuld daran trägt. Zumindest nach außen hin gelang es ihr besser, ihr Leben “danach” weiterzuführen. Während Dennis seine beruflichen Träume über Bord warf, stürzte sich Luana in ihre Karriere, suchte früh den Kontakt zu Alfred, begann eine neue Beziehung.
Eine schillernde Protagonistin ist auch sie; Hadodo spielt die Figur toll und mit Verve. Intensiv ist das Zusammenspiel dieser beiden, die gemeinsam und doch allein in menschliche, in die eigenen Abgründe blickten. Und deshalb nun keinerlei Rücksichten mehr nehmen müssen, einander schmerzhafte Wahrheiten nur so um die Ohren hauen. Frei nach dem Motto: Wer bereut besser?
Das herzerwärmende Zentrum dieses Films aber bildet, oscarreif dargestellt von Joachim Król, Alfred. Ein so freundlicher wie sturer Mann mit einer unbestimmten Trauer im Herzen, aber auch reichlich Schalk im Nacken, der ein Stück weit in der Welt seiner Bildmotive lebt: Mit den gelben Männchen, die er am liebsten malt, unterhält er sich, und ohne “Die Frau in Blau” kann er nicht leben. Das Gemälde zeigt den unnatürlich verdrehten Körper einer Frau in einem blauen Kleid – Alfreds Frau, wie sie nach dem Unfall zu liegen kam. Die Suche nach dem irrtümlich verkauften Werk schweißen ihn und Dennis zusammen.
Emotionaler Höhepunkt ist die Szene, in der der junge Mann dem älteren ein neapolitanisches Liebeslied von Domenico Modugno übersetzt, das etwas in Alfred zum Klingen bringt – die Kamera von Martin Farkas taucht Alfreds Gesicht dazu in blaues Licht. Überhaupt ist “Die Frau in Blau” sehr filmisch, mit starken Bildeinfällen erzählt. Ein wunderschöner, tieftrauriger, lustiger und ungemein anrührender Film, der davon erzählt, dass Vergebung auch und vielleicht vor allem etwas ist, das man sich selbst gewähren muss.