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Arbeit in der Antarktis – Ein Forscher über das Leben auf dem Schiff

Der Rostocker Student Clemens Abraham erlebt gerade ein Abenteuer in der Antarktis: Er ist Teil eines Forschungsteams auf dem Eisbrecher “Polarstern” im Weddellmeer. Was er untersucht und wo er Privatsphäre findet.

Mehr als 15.000 Kilometer trennen Clemens Abraham derzeit von seiner Heimat. Der 24-jährige studiert Meeresbiologie im Master an der Universität Rostock und befindet sich seit Mitte Dezember im Weddellmeer in der Antarktis. Noch bis Anfang Februar ist er Teil einer Forschungsgruppe, die auf dem vom Alfred-Wegener-Institut betriebenen deutschen Eisbrecher “Polarstern” lebt und arbeitet. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über seine Forschung, einen möglichen Lagerkoller, einen Buckelwal und darüber, wie er seinen christlichen Glauben mit seiner naturwissenschaftlichen Arbeit verbindet.

Frage: Herr Abraham, anders als in Deutschland ist die folgende Frage in der Antarktis sicher mehr als nur Small Talk: Wie ist das Wetter bei Ihnen?

Antwort: Gar nicht so kalt, wie man vielleicht zunächst denkt. Ich habe mich das vor meine Reise auch gefragt, tatsächlich aber liegen die Temperaturen so bei minus drei und minus vier Grad. Das liegt auch daran, dass wir nicht auf dem Eis, sondern auf dem Schiff sind. Zur Wahrheit gehört aber, dass es sich durch den Wind oft kälter anfühlt, und dass sich das Wetter sehr schnell ändern kann. Wir versuchen, das Wetter hier für die nächsten Tage vorherzusagen, was gar nicht so leicht ist. Es gibt hier in der Nähe kaum Wetterstationen. Daher lassen wir jeden Tag um 11 Uhr vom Schiff aus einen Wetterballon steigen.

Frage: Das heißt, dass ihre Forschungsarbeiten auch vom Wetter abhängen?

Antwort: Ja, absolut. Wir nutzen verschiedene Geräte für unsere Forschung, etwa um Proben vom Meeresboden zu entnehmen. Bei starkem Seegang, wenn das Schiff schaukelt, lassen sich einige der Geräte kaum kontrollieren – dann müssen wir unsere Arbeit anpassen und schauen, was gerade möglich ist.

Frage: Stichwort Arbeit: Wonach genau forschen Sie, was ist das Ziel der Expedition?

Antwort: Ziel unserer Arbeit ist es, grundlegende Daten zur Biodiversität vom sogenannten Weddellmeer in der Antarktis zu erheben. Es geht darum, verschiedene Stationen anzufahren, die auch in den vergangenen Jahren angefahren worden sind. Dann nehmen wir Bodenproben, nutzen einen Unterwasser-Roboter, messen den Salzgehalt im Wasser, machen Videoaufnahmen oder untersuchen Fische und Krill. Diese Daten können wir dann mit den vorherigen vergleichen und schauen, wie sich das dortige Ökosystem gewandelt hat. Das Projekt heißt “WOBEC” und steht auf Deutsch etwa für “Weddellmeer-Beobachtung für Biodiversität und Ökosystemveränderungen”.

Wichtig sind diese Daten auch bei der Frage, ob das Weddellmeer künftig ein Meeresschutzgebiet wird. Momentan findet hier noch keine Fischerei statt, aber mit dem Klimawandel und dem dadurch zurückgehenden Eis könnte das in einigen Jahren anders aussehen. Ein internationales Gremium wird darüber entscheiden, ob es ein Schutzgebiet wird – und dafür liefern wir die Datengrundlage.

Frage: Gibt es denn schon erste Erkenntnisse?

Antwort: Ja und nein. Noch ist es zu früh, um wirklich etwas zur Datenauswertung sagen zu können. Aber: Wir konnten schon Kameraaufnahmen von Gebieten machen, in denen sich noch niemand den Meeresboden angeschaut hat. Und wir konnten bereits biogene Strukturen unter dem Eis nachweisen – kleine Höhlen, die man nur aus einem bestimmten Winkel sieht. In jeder dieser Höhlen sitzt ein kleiner Flohkrebs, das wurde bisher so noch nicht publiziert.

Frage: Jetzt sind Sie schon seit Mitte Dezember mit ihren Kollegen auf dem Schiff. Wie ist die Stimmung bei Ihnen – und haben Sie Sorge vor einem Lagerkoller?

Antwort: Die Stimmung ist gut, wir sind ein tolles Team. Das ist auch wichtig, um einen Lagerkoller zu vermeiden. Denn wir sind fast durchgehend an Bord, und wir haben hier deutlich weniger Privatsphäre als zu Hause. Nachts schlafen wir in Doppelzimmern, tagsüber arbeiten wir in Gruppen. Da müssen wir uns ab und an eine kleine Auszeit nehmen, mal alleine über das Deck laufen oder etwas lesen. Oder mal auf die Brücke gehen und einfach die wirklich schöne Aussicht genießen, das vergisst man bei all der Arbeit schnell. Auch, wenn das Schiff relativ groß ist, müssen wir uns unsere Rückzugsorte suchen.

Frage: Wie groß ist denn das Schiff, und wie viele Menschen sind an Bord?

Antwort: Wir sprechen hier von etwa 120 Metern Länge und 95 Menschen. Die Hälfte davon sind Forschende, die andere Hälfte besteht aus Crewmitgliedern. Die Aufgabenverteilung ist da auch strikt getrennt, wir arbeiten an der Forschung und die Crew sorgt für reibungslose Abläufe auf dem Schiff wie Wartung oder Verpflegung. Die Abläufe auf dem Schiff müssen klar geregelt sein.

Frage: Sie sind tausende Kilometer von ihrer Heimat und ihrer Familie entfernt. Können Sie mit ihnen oft kommunizieren?

Antwort: Es ist auf jeden Fall eine sehr besondere Situation, aber zum Glück sind wir fast immer erreichbar. Ich telefoniere regelmäßig mit meiner Familie und meiner Freundin, und durch den Kontakt zur Außenwelt ist es etwas anderes, als wenn wir wirklich eine Art Schicksalsgemeinschaft wären, die außer mit sich mit keinen anderen Menschen Kontakt hätte.

Frage: Wie war es für Sie, Weihnachten und Silvester so weit weg von ihrem Zuhause zu verbringen?

Antwort: Das ist mir nicht so leichtgefallen, das war für mich das zweite Mal, dass ich an Weihnachten nicht zu Hause war. Aber wir haben auf dem Schiff das Beste daraus gemacht, wir saßen zusammen und haben musiziert, ich habe Trompete gespielt. Das war ein schöner Moment, in dem wir alle zusammengekommen sind. An Silvester war das ähnlich, da haben wir unsere Feier nur einen Tag nach hinten gelegt, da zum Jahreswechsel Stationsarbeiten anstanden. Das neue Jahr hat für uns also einen Tag später begonnen. Trotz der Entfernung zur Familie waren das tolle Momente, die ich nicht missen will. Ich war auch sehr froh, als ich vor der Reise erfahren hatte, dass ich an dem Projekt teilnehmen darf. Das war wie eine Gebetserhörung für mich.

Frage: Wenn Sie Gebetserhörung sagen – sind sie als Naturwissenschaftler religiös?

Antwort: Ja, und das muss sich auch nicht ausschließen. Ich bin Teil einer freien evangelischen Gemeinde in Rostock, ich bin mit dem Glauben aufgewachsen. Es war immer eine Überzeugung von mir, warum ich Naturwissenschaftler werden wollte – unsere Welt besser zu erforschen und eine rationale Denkweise über festgelegte Naturgesetze zu verbinden mit etwas, das es außerhalb dieser Welt gibt.

Das ist ein Gefühl, das ich nicht großartig begründen kann. Das ist für mich immer wieder eine große Herausforderung, weil ich auch immer wieder grundlegende Zweifel habe. Aber ich merke, dass Gott mich nicht loslässt. Ich frage mich immer wieder, ob es unbedingt die logischere Alternative ist, nicht an Gott zu glauben.

Frage: Neben den schönen Momenten mit ihrem Team oder spannenden Forschungsfunden: Was war bislang Ihr Highlight in der Antarktis?

Antwort: Ich kann mich gut an den Moment erinnern, als wir kurz nach Weihnachten auf dem Deck standen und plötzlich in etwa 15, 20 Metern Entfernung zu uns ein Buckelwal aufgetaucht ist. Da haben sich erstmal alle rumgedreht und ihn beobachtet, das war für mich ein besonderes Erlebnis. Ich habe bisher noch nie andere Wale als Schweinswale in der Ostsee gesehen – die sind aber auch sehr schön.