Altbischof Gerhard Ulrich kehrt auf Theaterbühne zurück

Einst studierte Ulrich Schauspiel. Jetzt kehrt der charismatische Altbischof der Nordkirche zurück zu seinen Wurzeln. In Schillers „Don Karlos“ spielt er den Großinquisitor – einen menschenverachtenden Kleriker.

Schauspieler Immanuel Humm als König Phillipp II, vorne Tristan Steeg als Don Karlos
Der Theologe und ehemalige Bischof Gerhard Ulrich spielt in Schillers Drama Don Karlos den Großinquisitor, Schauspielhaus im Theater Kiel, 14.4.2022
Schauspieler Immanuel Humm als König Phillipp II, vorne Tristan Steeg als Don KarlosDer Theologe und ehemalige Bischof Gerhard Ulrich spielt in Schillers Drama Don Karlos den Großinquisitor, Schauspielhaus im Theater Kiel, 14.4.2022Stephan Wallocha

Kiel. „Leg doch mal den Fuß auf ihm ab“, ruft Malte Kreutzfeldt aus dem dunklen Zuschauerraum. Hochkonzentriert blickt der Regisseur auf die hell erleuchtete Bühne und beobachtet, wie der Großinquisitor (Gerhard Ulrich) in seinem purpurroten Gewand seinen Lederschuh auf den Oberkörper des Marquis von Posa (Calvin-Noel Auer) absetzt. Dessen weißes Hemd ist blutüberströmt. Der Großinquisitor würdigt den sterbenden Menschen zu seinen Füßen keines Blickes. Stattdessen spricht er mit scharfer Stimme auf Philipp II. (Imanuel Humm) ein.

Für Altbischof Gerhard Ulrich gehört diese Probe zur Rückkehr zu seinen Wurzeln: In jungen Jahren war er Schauspieler am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Im Kieler Theater steht er jetzt wieder auf der Bühne. In Friedrich Schillers „Don Karlos“ spielt er den Großinquisitor. An diesem Sonnabend, 23. April, feiert das Stück Premiere.

Freiheitskampf gegen kirchliche Obrigkeit

Geprobt wird „Don Karlos, Infant von Spanien“ von Friedrich Schiller. 1787 wurde das Dramatische Gedicht am „Theater am Gänsemarkt“ in Hamburg uraufgeführt – eine Familientragödie, angesiedelt am spanischen Hof zur Zeit der Inquisition. Freiheitskampf trifft hier auf kirchliche Obrigkeit. Und diese Obrigkeit wird verkörpert von einem leibhaftigen, evangelischen Kirchenmann: Gerhard Ulrich war von 2008 bis 2012 Bischof in Schleswig und dann bis 2019 Landesbischof der Nordkirche.

Zwischen den Proben bespricht Ulrich sich mit Regisseur Malte Kreutzfeldt Foto: Stephan Wallocha / epd
Zwischen den Proben bespricht Ulrich sich mit Regisseur Malte Kreutzfeldt Foto: Stephan Wallocha / epdStephan Wallocha

„Natürlich reibe ich mich an meiner Rolle“, sagt Ulrich kurz vor Probenbeginn im Foyer des Schauspielhauses. „Den Zorn, den der Großinquisitor dem König gegenüber entwickelt, den spüre ich selbst als Zorn gegen seine Menschenverachtung. Denn König Philipp bittet ihn eigentlich um ein Seelsorgegespräch.“ Stattdessen bekomme er eine Ohrfeige nach der anderen.

Der ehemalige Landesbischof spielt damit sein eigenes Gegenstück. Als Intendant Daniel Karasek ihn im Dezember anrief, um ihm die Rolle des Großinquisitors anzubieten, fand er den Vorschlag „total einleuchtend“. Ulrich: „Es ist ein Entfremdungseffekt, wenn eine Figur mit dem Gegenprogramm besetzt wird.“ Schließlich sei die Inquisition einer der Gründe für die Reformationen gewesen.

„Ein großes Geschenk“

Für Ulrich ist die Theaterbühne kein Neuland. Vor seiner theologischen Laufbahn studierte der gebürtige Hamburger Theaterwissenschaften und Schauspielkunst. Seit 2015 steht er mit dem Format „Theaterpredigt“ am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und am Theater Kiel auf der Bühne.

„Es ist ein großes Geschenk, mit 71 Jahren an meine frühen biografischen Zeiten anzuknüpfen“, sagt Ulrich, der die Aufregung vor einer Aufführung immer noch kennt. „Ich sage immer, wenn ich irgendwann mal aufhöre, Lampenfieber zu haben, sollte ich auch aufhören aufzutreten – das gilt übrigens auch für den Weg zur Kanzel.“


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Schillers Großinquisitor ist ein Mann, der für den Tod Hunderttausender Menschen verantwortlich ist, die der Ketzerei bezichtigt wurden. Dieser Punkt mache das Stück „erschreckend aktuell“, sagt Gerhard Ulrich. Er denke dabei an Wladimir Putin. „Wer in Russland den Krieg Krieg nennt, geht in den Knast. Das ist genauso wie hier auf der Bühne.“

Gerhard Ulrich selbst sieht auch „mit einem Unbehagen“ seine Rolle des Großinquisitors. „Und ich hoffe, dass die Menschen, die das Stück besuchen, genauso rausgehen.“ Theater dürfe schließlich nicht immer „eine Wohlfühloase“ sein. (epd)

Info
Die Premiere von „Don Karlos“ findet am Sonnabend, 23. April, um 20 Uhr im Schauspielhaus Kiel statt. Am Sonntag, 24. April, beginnt die Aufführung um 19 Uhr. Tickets und weitere Infos gibt es hier.