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Alfred Delp: Überzeugt von der Freiheit und Würde aller Menschen

„Ob dies ein Abschiedsbrief ist oder nicht, ich weiß es nicht. Das wissen wir heute ja nie. (…) Wie es mir geht? Da ist nicht viel zu sagen. (…) Hab keine Sorge, ich bemühe mich, kein Kleinholz zu machen, auch wenn es an den Galgen gehen sollte. Gottes Kraft geht ja alle Wege mit.“ Diese Zeilen schrieb Alfred Delp (1907-1945) mit gefesselten Händen im Gefängnis Berlin-Tegel, heimlich wurde der Brief nach draußen geschmuggelt. Der Jesuitenpater hatte noch sechs Wochen zu leben, in völliger Ungewissheit über sein Schicksal, immer wieder misshandelt und verprügelt.

Am 2. Februar 1945 wurde er mit 37 Jahren in Berlin-Plötzensee gehängt, seine Asche auf den Feldern verstreut, die Veröffentlichung einer Todesanzeige verboten. Heute gelten seine Aufzeichnungen als Beispiel für die Kraft, die der Glaube einem Menschen geben kann. In seiner Kerkerzelle lernte er Verlassenheit und Armseligkeit kennen, aber er entdeckte auch einen ganz nahen Gott.

81 Jahre nach seinem Tod eröffnet nun der Münchner Kardinal Reinhard Marx am 2. Februar im Liebfrauendom den Prozess der Seligsprechung von Alfred Delp. Für die Nazis sei Delps christliche Überzeugung von der Freiheit und Würde aller Menschen eine echte Bedrohung gewesen, erklärte Marx: „Wir beginnen sein Seligsprechungsverfahren in dem Bewusstsein, dass auch heute die Stimmen wieder lauter werden, die in der Unterdrückung anderer Menschen ein Zeichen von Stärke sehen. Ihnen stellen wir uns entgegen: Nicht Gewalt, Hass und Nationalismus machen eine Gesellschaft stark, sondern Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit.“

Wann und ob Delp tatsächlich seliggesprochen wird, steht nicht fest. In einem ersten Schritt werden in der Erzdiözese München und Freising Delps Schriften ausgewertet und Zeugen zu seinem Leben und Wirken befragt, das dauert voraussichtlich mehrere Jahre. Danach beginnt das vorgeschriebene Verfahren im Vatikan. „Selige“ sind Menschen, die ein vorbildhaftes christliches Leben geführt haben und deswegen von der Kirche eines Landes, eines Bistums oder einer bestimmten Gemeinschaft verehrt werden dürfen; Heilige werden in der gesamten Weltkirche verehrt.

Der Wunsch, den von den Nazis hingerichteten Ordensmann seligzusprechen, war in der Vergangenheit nicht unumstritten. Der Münchner Jesuit Andreas Batlogg, ehemaliger Chefredakteur der Ordenszeitschrift „Stimmen der Zeit“, führte das lange Hin und Her um ein Seligsprechungsverfahren im vergangenen Jahr gegenüber „domradio“ auch auf Unklarheiten in den Zuständigkeiten zurück: Diese Prozedur werde normalerweise dort eröffnet, wo die betreffende Person gestorben sei. Was zu einem Konflikt zwischen dem Erzbistum Berlin, wo Delp hingerichtet wurde, und der Erzdiözese München und Freising geführt habe, wo er lebte.

1907 in Mannheim geboren und in einem gemischt-konfessionellen Elternhaus aufgewachsen, ließ Alfred Delp schon früh einen eigenen Kopf erkennen. Alfred ging in die evangelische Volksschule – und freundete sich mit dem katholischen Pfarrer an. Im Jesuitenorden wurden Delps intellektuelle Begabung und enorme Belesenheit anerkannt, doch der Novizenmeister nahm an seinen „protestantisch“ eingefärbten Gedankengängen Anstoß.

Bald nach seiner Priesterweihe 1937 ging der Männer- und Arbeiterseelsorger und Zeitschriftenredakteur Delp auf offene Konfrontation zu den Nazis. Anders als viele christliche Regimegegner protestierte er nicht nur, wenn der eigene Besitzstand bedroht war – die Rechte der Kirche, die katholische Lehre. Delp unterstützte und versteckte verfolgte Juden. 1943 sagte er vor Männerseelsorgern in Fulda: „Was helfen uns alle Proteste und alle Einsätze um spezifisch christliche oder kirchliche Eigentümlichkeiten, wenn vor unsern Augen der Mensch entwürdigt wird? (…) Mit dem Menschen stirbt der Christ.“

Im Oktober 1941 begegnete Delp in Berlin Helmuth James von Moltke (1907-1945), der einen Fachmann für christliche Soziallehre für seinen „Kreisauer Kreis“ suchte. Das war eine bürgerlich-zivile Widerstandsgruppe, die Modelle für einen Neuaufbau Deutschlands nach dem ersehnten Kriegsende entwickelte. Der Jesuit Delp wurde in diesem Kreis schnell zum Spezialisten für künftige gesellschaftliche und wirtschaftliche Konturen. Er dachte über eine soziale Umwälzung nach, die er „personalen Sozialismus“ nannte: weitgehende Sozialisierung der Wirtschaft ohne Staatskapitalismus, wirksame Beteiligung der Arbeitnehmer an Führung und Ertrag ihres Unternehmens.

Am 28. Juli 1944 wurde Delp inhaftiert, wenige Tage nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli. Sechs Monate später begann vor dem Volksgerichtshof in Berlin ein Schauprozess, der allem Recht Hohn sprach. Das Urteil war von vornherein klar: Todesstrafe wegen Hochverrats. Alfred Delp selbst erklärte: „Mein Verbrechen ist, dass ich an Deutschland glaubte, auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus.“ (0281/29.01.2026)