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175. Todestag von Mary Shelley – Uroma der Künstlichen Intelligenz

Die Missverständnisse beginnen beim Namen: Nicht das “Monster” heißt Frankenstein, sondern dessen Erfinder. Die neueste Verfilmung beleuchtet psychische Abgründe – und nicht wenige sehen Parallelen zur KI-Debatte.

Die Geschichte ihrer Familie überstrahlte zeitweise ihr literarisches Schaffen: Vor 175 Jahren, am 1. Februar 1851, starb Mary Godwin in London. Als Mary Shelley sollte sie berühmt werden. Ihr Vater war der Autor und Sozialphilosoph William Godwin, ihre Mutter die Feministin Mary Wollstonecraft – und ihr Ehemann, der bei einem Bootsunglück jung um Leben kam, der Dichter Percy S. Shelley.

Ein Leben, das in den vergangenen Jahren in Romanbiografien und Spielfilmen selbst thematisiert wurde, zuletzt 2017 mit Elle Fanning in der Titelrolle. Ebenso wird Mary Shelleys bekanntestes Werk, “Frankenstein oder Der moderne Prometheus”, bis heute gelesen; die Verfilmung von 1931, in der Boris Karloff das von Frankenstein geschaffene “Monster” spielt, gilt als Klassiker des Horrorgenres. Aktuell macht die Version von Guillermo del Toro im Kino und Streaming Furore – sie rückt Doktor Frankenstein selbst als zerrissene, traumatisierte Figur ins Zentrum.

Den Roman – ihren ersten – verfasste die Autorin mit 20 Jahren auf einer Reise mit ihrem Mann sowie dem damals schon berühmten Dichter Lord Byron. Im Sommer 1816 regnete und gewitterte es viel, und so erzählte sich die Gruppe zum Zeitvertreib gegenseitig Schauergeschichten – bis Lord Byron vorschlug, jeder möge eine eigene solche Erzählung verfassen. Shelley behauptete später, erst in einem Wachtraum sei ihr die Idee für “Frankenstein” gekommen.

Zunächst mäßig erfolgreich, gilt der Roman heute als Ausgangspunkt von Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Er erzählt von Viktor Frankenstein, einem Studenten der Universität Ingolstadt, der herausfindet, wie sich aus toter Materie ein künstlicher Mensch erschaffen lässt. Frankenstein ist ob der Hässlichkeit seines Geschöpfes so erschüttert, dass er es verstößt. In der Folge wird es auch innerlich zum Monster und tötet Menschen. Frankenstein jagt ihm bis ins ewige Eis hinterher, am Ende sterben beide – nicht ohne dass die Kreatur zuvor erklärt: “Du bist mein Schöpfer, aber ich bin jetzt dein Herr, gehorche also!”

Manche interpretieren das Geschöpf als Urahnen einer “starken” Künstlichen Intelligenz, die dem Menschen vergleichbar lernen und denken kann. Die Idee, aus unbelebtem Material etwas Lebendiges zu erschaffen, faszinierte indes schon lange vor dem Roman. Die Romantikerin Shelley machte daraus eine Metapher für die Zweischneidigkeit von manch wissenschaftlichem Fortschritt: Frankenstein ist ein genialer Arzt, der dem Leben dienen möchte, indem er den Tod besiegt. Als er begreift, dass er seine Schöpfung nicht mehr kontrollieren kann, will er sein Wesen zerstören – doch dafür ist es zu spät.

Shelleys Roman “The Last Man” (1826) erscheint ebenfalls erstaunlich aktuell, spielt er doch vor dem Hintergrund einer weltweiten Epidemie. Ob Weltuntergangsvision oder ethisches Dilemma – die Autorin schrieb aus einer eher agnostischen Perspektive, setzte sich jedoch mit religiösen Kontroversen ihrer Zeit auseinander. Erzogen im Sinne ihrer feministischen Mutter, die wenige Tage nach Marys Geburt starb, war sie ein Kind der Aufklärung – mit Zugang zur väterlichen Bibliothek und Kontakten zu Dichtern und Denkern. Schon als Kind verfasste sie Gedichte und Geschichten.

Mehrere eigene Kinder Shelleys starben, ihre große Liebe Percy verlor sie nach acht gemeinsamen, wild gestarteten Jahren. So war der Dichter bei ihrem Kennenlernen noch in erster Ehe verheiratet, das Paar litt häufig unter Geldnot und war vom Konzept der freien Liebe überzeugt. Nach seinem Tod ging sie dennoch keine ernsthafte neue Beziehung mehr ein, widmete sich ganz dem Schreiben und ihrem Sohn Percy Florence. Auch betätigte sie sich als Herausgeberin der Werke ihres Mannes.

Nach ihrem Tod mit 53 Jahren wurde Mary Shelley zwischen ihren Eltern beigesetzt. In ihrer Schreibtischschublade fanden sich Gegenstände, die wiederum romanverdächtig erscheinen: ein Notizbuch, Locken ihrer verstorbenen Kinder sowie ein Gedicht ihres Gatten, gefaltet um einen Teil seiner Asche und Überreste seines Herzens.