Das anhaltende Winterwetter mit Schnee, Frost und Glätte ist lebensgefährlich für blinde und sehbehinderte Menschen. Ungeräumte und vereiste Wege machen es Betroffenen nahezu unmöglich, sich eigenständig und sicher im öffentlichen Raum zu bewegen, wie es vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) heißt. Das betrifft auch mobilitätseingeschränkte Menschen.
„Mit Rollstuhl oder Rollator durch Schnee und Eis zu kommen, ist kein Vergnügen – und für viele schlicht unmöglich“, sagt Klaus Wicher, Vorsitzender des Sozialverbands (SoVD) in Hamburg. Das aktuelle Winterwetter zeige, wie schnell mobilitätseingeschränkte Menschen vom öffentlichen Leben abgeschnitten sind. „Was wir in diesem Winter erleben, macht deutlich: Hamburg ist noch lange keine barrierefreie, altersfreundliche Stadt“, kritisiert Wicher.
Behinderte Menschen: Arztbesuch macht Probleme
Problematisch sei die Situation etwa bei erforderlichen Arztbesuchen. Wer aus gesundheitlichen Gründen auf das Auto angewiesen ist, müsse oft mit hohen Parkgebühren und fehlenden Parkplätzen kämpfen. „Viele Menschen können sich diese Kosten schlicht nicht leisten“, sagt Wicher, der kostenfreies Parken für notwendige Arztbesuche fordert. Auch der öffentliche Nahverkehr sei für viele Betroffene keine Alternative: Vereiste Zuwege seien für mobilitätseingeschränkte Menschen „häufig nicht zu bewältigen“, kritisiert Wicher. Dabei sei Mobilität eine Voraussetzung für Teilhabe.
Diese Teilhabe ist derzeit auch für blinde und sehbehinderte Menschen eingeschränkt. „Vor allem an Bürgersteigen, Haltestellen und Verkehrsquerungen ist die Lage angespannt“, sagt BSVH-Chef Heiko Kunert dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Problem betrifft Zehntausende: Laut Verein gibt es in Hamburg 2.067 blinde und mehr als 40.000 sehbehinderte Menschen. Viele von ihnen seien derzeit gezwungen, zu Hause zu bleiben.
Leitstreifen von Schnee bedeckt
„Wenn taktile Hilfen wie Leitstreifen vom Schnee verdeckt sind, verlieren Betroffene ihre Orientierung“, sagt Kunert. Selbst auf bekannten Wegen rund um ihr Zuhause hätten diese Menschen große Schwierigkeiten, weil sichere „Leitplanken“ fehlten. Auch höhere Schneewälle an Straßenrändern seien für sie nicht einschätzbar.
Ein Problem sei auch, dass Untergrundstrukturen durch Schnee verdeckt oder unkenntlich sind. „Ein sicherer Boden ist für die Orientierung sehr wichtig“, weiß der Vereinschef. Unter Schnee und Eis könnten Betroffene derzeit nicht merken, wo Rasen, Gehweg oder Straßen sind. Kunert: „Es ist lebensgefährlich, wenn man Bordsteinkanten nicht erkennen kann und deshalb plötzlich auf der Straße steht.“
Der Verein fordert die konsequente Schneeräumung von Gehwegen, taktilen Leitsystemen und Haltestellenbereichen. Dabei appelliert er auch an Bürgerinnen und Bürger, die Betroffenen nicht zu vergessen und entsprechende Wege freizuräumen. Kunert appelliert: „Wenn Sie sehbehinderte Nachbarinnen und Nachbarn haben, fragen Sie diese gerne, wie Sie sie unterstützen können.“
