Gottesdienst zum Weltflüchtlingstag

Zwei Frauen erzählen ihre Fluchtgeschichte

In Kühlungsborn sprechen zwei Flüchtlingsfrauen im Gottesdienst von ihrer Aufnahme in Mecklenburg, ihren Erwartungen und Hoffnungen. Ihr ganz persönlicher Beitrag zum Weltflüchtlingstag.

Zum Thema Flucht, Migration und Fluchtursachen ist in der Rostocker St.-Petri- Kirche eine Ausstellung mit internationalen Karikaturen zu sehen.

von Marion Wulf-Nixdorf

Kühlungsborn/Rostock. Banan ist Mitte 30 und Mutter von vier Söhnen. Die ersten beiden wurden in ihrer Heimat Syrien geboren, die beiden anderen in Deutschland. Die Familie war 2014 vor dem Krieg in Syrien geflohen – über Saudi Arabien und Polen bis nach Deutschland. Am 20. Juni will Banan im Gottesdienst in Kühlungsborn erzählen, wie sie hier aufgenommen wurden – genauso wie die 84-jährige Ilse, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Siebenjährige herkam. Der Anlass: Weltflüchtlingstag 2021. Banan und ihre Familie hätten nach dem sogenannten Dublin-Abkommen eigentlich nach Polen zurück gemusst, weil sie europäischen Boden zuerst dort betreten haben. Aber Banan hatte schlimme Erlebnisse in Polen gemacht und bat in Mecklenburg um Kirchenasyl. Über Monate lebte die Familie in der Pfarrscheune in Kühlungsborn. „Banan konnte kein Wort Deutsch“, erinnert sich Pastorin Maren Borchert. „Die ersten Worte hat sie mit mir am Wohnzimmertisch gelernt.“

Banan und ihre Familie sind voll integriert

Inzwischen hat Banan alle Sprachprüfungen erfolgreich absolviert. Genau wie ihr Mann, ein Pharmazeut. Er musste seine Prüfungen in Deutschland wiederholen, nun ist er in einer Apotheke angestellt. Banan träumt vom Führerschein, um unabhängig zu sein, und von einer Ausbildung. Die Familie ist muslimisch, der Mann fährt jeden Freitag in die Moschee nach Rostock – aber Banan gehört auch zum Frauenkreis der evangelischen Gemeinde und fühlt sich inmitten der meist älteren Frauen sehr wohl, sagt Pastorin Borchert. „Die Familie ist voll integriert.

„Ebenso wie Ilse, die 1946 aus Ostpreußen nach Kühlungsborn kam – auch als Flüchtling, aber ohne Sprachprobleme. Ilse hat hier geheiratet, zwei Kinder bekommen. Im Gottesdienst will Pastorin Borchert beide Frauen befragen, wie sie die ersten Begegnungen mit Alteingesessenen erlebt haben. Predigen wird die Mecklenburger Flüchtlingspastorin Anja Fischer. 2015/16 waren Tausende gekommen, auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Elend aus ihrer Heimat Syrien, Eritrea oder anderswo. Kirchengemeinden auch in Mecklenburg- Vorpommern hießen sie willkommen, boten ihnen Unterstützung beim Deutschlernen an, kochten gemeinsam, feierten mit ihnen.
Und heute? „Heute ist Europa eine Festung“, meint der Flüchtlingsbeauftragte in Mecklenburg, Lars Müller. Viele Menschen, die aktuell hier Schutz suchen, kommen derzeit aus Schweden. Dort würden ehemals Geflüchtete zurzeit abgeschoben, besonders nach Afghanistan, wo in einigen Monaten die letzten ausländischen Hilfsorganisationen abziehen – mit unabsehbaren Folgen.

Jedes Flüchtlingsschicksal wird gründlich geprüft

In Schweden versuchten viele Afghanen, sich der Abschiebung zu entziehen, indem sie unter anderem nach MV fliehen. Von den Erstaufnahmen in Schwerin und Horst wurden sie in den vergangenen Monaten wegen der Pandemie schneller als früher in eine der rund 30 Gemeinschaftsunterkünfte geschickt, wo sie seitdem auf Gewährung ihres Asylantrags hoffen. Einige baten in Kirchengemeinden um Asyl. „Hier hatten wir wieder mehr Anfragen“, erzählt Müller.

Aber nicht allen kann die Kirche helfen. „Wir prüfen jeden Fall sehr gründlich, denn wir dürfen Kirchenasyl nur gewähren, wenn wir von der akuten Bedrohung der Gesundheit oder sogar des Lebens ausgehen.“ So reisen Lars Müller und seine Kollegin Anja Fischer in Gemeinden, um sie zu beraten. Außerdem unterstützen sie Gemeinden, die eine Integrations- und Willkommenskultur entwickelt haben. Damit auch neue Zugezogene irgendwann so heimisch sind wie Banan und Ilse.

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