Deutsches Theater Göttingen eröffnet "Tankstelle"

Treibstoff für die Seele

Viele Menschen vermissen das Theater. Und die Schauspieler sehnen sich nach Kontakt mit dem Publikum. In Göttingen macht eine „Tankstelle“ Begegnungen wieder möglich – mit großem Erfolg.

Mit der Kulturtankstelle will das Deutsche Theater in Göttingen den Menschen in der Pandemie Abwechslung bieten

von Reimar Paul

Göttingen. Die Wiese hinter dem Deutschen Theater Göttingen hat sich in eine Tankstelle mit drei Zapfsäulen verwandelt. Weithin sichtbar prangt das Wort „SUPER“ in weißer Farbe auf einem riesigen Bürocontainer. Benzin gibt es hier allerdings nicht. Auch Brötchen und Bier, Zeitungen und Zigaretten sind an dieser Tankstelle nicht zu bekommen.

Stattdessen wird „Treibstoff für die Seele“ angeboten, wie es Regisseurin Antje Thoms ausdrückt. Thoms, Intendant Erich Sidler und das ganze Ensemble Deutschen Theaters Göttingen wollen den Menschen in dieser außergewöhnlichen und anstrengenden Pandemie-Zeit mit dem Projekt etwas Abwechslung verschaffen. Die Besucher können hier mit den Schauspielern in Kontakt treten, sich kurze Szenen anschauen, ein Musikstück hören.

Auftanken gefragt

Die Tankstelle versorgt sie mit Literatur, Spielen, Dramen, Musik und vielem mehr. Seit 26. März gibt es das Angebot. Und es wird hervorragend angenommen. Bis Ende April haben 1960 Gäste die Installation besucht, teilte das Theater mit. Noch bis Ende Mai soll die Tankstelle täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr geöffnet bleiben.

Die Idee, dieses Vorhaben ausgerechnet mit einer nachgebauten Tankstelle umzusetzen, ist entstanden, „weil Tankstellen ja eine Grundversorgung schaffen“, so Thoms. „Und natürlich wegen der Doppeldeutigkeit: Denn auch an unserer Tankstelle sollen die Leute auftanken.“

Start mit Pantomime

An einem Werbeturm sind die Angebote des Tages angeschrieben: Begegnung, Musik, Appetit, Beweglichkeit und Liebe lauten sie an diesem Tag. Tankwarte in roten Monteursanzügen bitten die Besucher einzeln auf einen Parcours um den Container herum. An eine Seitenwand sind fünf Fenster eingelassen. Sie erlauben den Blick auf unterschiedlich ausstaffierte Räume, in denen sich jeweils ein Schauspieler aufhält.

Am ersten Schalter, getrennt durch eine dicke Scheibe, lädt Marie Seiser zu einer Runde des Pantomimespiels Scharade ein. Freibad, Heuschnupfen, Entenküken – die ersten Begriffe sind schnell geraten, dann ertönt auch schon eine Hupe. Nur drei Minuten darf der Gast an einer Station verbringen. Die Kommunikation mit den Darstellern wird durch Mikrofone und Lautsprecher ermöglicht.

„Es ist Liebe auf den ersten Blick“, begrüßt Schauspielerin Angelika Fornell am nächsten Schalter den etwas verlegenen Besucher. Der Raum dahinter ist als Badezimmer dekoriert. Fornell will auch gleich zur Sache kommen, sie fragt nach Vorlieben und guten Eigenschaften des Gegenübers und verspricht, noch am Abend einen Liebesbrief bei ihm zu Hause einzuwerfen.

Am gedeckten Tisch

Paul Wenning empfängt in seinem Lokal, dem Restaurant „Kronenhalle“. Der Tisch ist gedeckt. Doch weil wegen der vermaledeiten Pandemie zurzeit kein Essen reserviert wird, will Gastwirt Wenning wenigstens übers Essen reden. Und mal eben erzählen, wie der Kaiserschmarrn zu seinem Namen gekommen sein könnte.

Ein kurzes Sprech- und Mimiktraining kann bei Marco Matthes an Schalter Nummer 4 absolviert werden. „Die Betonung und die Bewegung drücken aus, wie du dich fühlst“, sagt er: „Stell dir zum Beispiel vor, du erzählst deinem Freund, wie du in einer Kneipe in Portugal deinen Lieblingsfisch genossen hast.“

Zum Abschluss des Rundgangs singt Gaia Vogel auf besonderen Wunsch ein etwas schmalziges Lied über eine Bootsfahrt auf dem Meer. In dem als Wohnzimmer hergerichteten Raum liegen auf einem Tisch Reiseführer von Mallorca aus.

Das gesamte Ensemble und auch die Spielclubs des Theaters sind am Projekt Tankstelle beteiligt, berichtet Regisseurin Thoms. Sie hätten unterschiedliche Angebote vorbereitet. Insgesamt seien es rund 60, die im Wechsel bis Ende Mai präsentiert werden. (epd)

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