Als Kurpastor auf der Nordseeinsel Norderney

Worte und Klänge

Aus der Großstadt auf die Insel Norderney: Das hat unser Kollege Friedrich Brandi gewagt. Er brachte als Kurpastor neben Worten auch Klänge mit auf die Insel.

Im Sommer gibt es jeden Sonntag um 8.30 Uhr einen Waldgottesdienst.

von Friedrich Brandi

Norderney. „Ein Glück, heute Mittag soll es regen!“ So einen Ausruf erwartet man nicht unbedingt auf einer der beliebtesten Urlaubsinseln in der ostfriesischen Nordsee im Hochsommer. Er entfuhr Gudrun Fliegner, der Kantorin der Inselkirche auf Norderney, bei der Dienstbesprechung mit Blick auf die Veranstaltung „Wort und Klang“ am Mittag. Die Veranstaltung sollte meine Premiere als Kurpastor werden. Texte zum Nachsinnen und Orgelmusik. Und bei miesem Wetter wird die Kirche eher aufgesucht als der Strand. Es hat zwar nicht geregnet, dennoch kamen etwa 60 Menschen – trotz der mühsamen Eingangsprozedur mit Adress­registrierung und Mundschutz im Vorraum der Kirche.

Die Resonanz war regelrecht überwältigend. Auch als meine Frau bei der zweiten Veranstaltung dieser Art mit ihrer Blockflöte die Menschen verzauberte. Kaum einer wollte ohne ausdrückliches Lob für die Worte und die Klänge die Kirche verlassen. Einige erzählten mir ausführlich von ihren Erfahrungen mit der Kirche – den positiven wie den negativen. Und wie dankbar sie sind, in dieser Kirche mal zur Ruhe gekommen zu sein.
Ich hatte den Eindruck, dass Urlauber besonders sensibel sind für Fragen des Glaubens und sehr viel aufgeschlossener für die Tradition der Kirche. Wer zur Ruhe kommt, ist möglicherweise dichter dran an den Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Viel Lob und Dank

Wenn ich im Freizeit-Outfit die Strandallee zum Bäcker hinunter geschlendert bin, wurde ich auch schon mal angesprochen: „Ach, Sie sind doch der Kurpastor vom Waldgottesdienst.“ In den Sommermonaten findet jeden Sonntag schon um 8.30 Uhr ein Gottesdienst in der Waldkirche statt und um 10 Uhr in der Inselkirche. Schnell ist man mittendrin im Gespräch­ über die Predigt von gestern, und noch 14 Tage später bekomme ich E-Mails mit aufrichtigem Dank für diesen oder jenen Gedanken.

Ortsgemeinde und Urlaubergemeinde

Am Dienstag dann die Kirchenführung. Zunächst habe ich mich gewundert, dass ausgerechnet diese zu meinen Aufgaben gehört – schließlich kannte ich die Kirche ja gar nicht. Einen Tag vorher habe ich in der Abendsonne am Strand das Buch über die Kirche studiert – man hat ja Zeit – und konnte die gut 20 neugierigen Gäste mit meinem angelesenen Wissen in wunderbare Gespräche über das Wesen der Kirche oder die Bedeutung von Luthers Reformation für heute verwickeln. Ein bisschen kenne ich mich schließlich aus mit Kirchenbauten, der Bedeutung der Prinzipalstücke sowie mit den Aposteln, die die Kanzel schmücken.

Die Inselkirche von Norderney wurde 1879 geweiht.
Die Inselkirche von Norderney wurde 1879 geweiht.

Das Pastorenehepaar Bernhardt mit 1,5 Stellen kann fast das ganze Jahr über mit einem Kurpastor rechnen. Für sie gibt es genug zu tun mit der traditionellen Ortsgemeinde, die etwa 2600 Mitglieder umfasst: Konfirmandengruppen, Kindergottesdienst, Altenheimbesuche, Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Seelsorge. Viele Einheimische verdienen zwar gut an den Urlaubern, leiden aber gleichzeitig unter der temporären Überschwemmung der Ortsbevölkerung durch die Gäste.

Putzig anmutendes Treiben auf dem einzigen Inselfriedhof

Eine Überschwemmung anderer Art sind die Kaninchen, die irgendein jagdbegeisterter Adliger einst ausgesetzt hatte und die inzwischen zu einer veritablen Plage herangewachsen sind. Die schlägt sich auch auf dem kirchen­eigenen Friedhof, dem einzigen auf der Insel, nieder. Was so putzig anmutet und die Gäste ihre Handys zücken lässt, um in der Abenddämmerung die Tierchen zu fotografieren, führt auf dem Friedhof trotz Umzäunung oft dazu, dass in der Nacht nach der Beisetzung die Kränze und der Blumenschmuck schon mal weggefressen werden.

Entscheidend bei der Gemeindearbeit ist die Verwaltung des großen Immobilienbestandes, ein wahrer Schatz der Gemeinde. Weil die Mieten auf Norderney inzwischen mindestens so hoch sind wie auf Sylt, kann sich kein Küster, keine Kantorin oder Gemeindesekretärin eine Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt leisten. Die Gemeinde besitzt neben der Inselkirche noch zwei stattliche Gemeindehäuser und ein altes Pfarrhaus. In diesen Gebäuden befinden sich insgesamt 13 Wohneinheiten, inklusive der Pfarrwohnung. Sieben Wohnungen sind an Mitarbeiter vermietet, in den anderen finden die Kurpastoren, Gastmusiker oder auch mal besuchende Angehörige eine temporäre Heimat nahe am Meer. In diesem Jahr mussten die Aktivitäten natürlich deutlich eingeschränkt werden.

Üblicherweise aber wird nahezu täglich etwas angeboten, das die Inselgäste in die Kirche lockt. Wenn der Ad-hoc-Chor mit Urlaubern am Mittwoch-Abend probt und anschließend beim „Gute-Nacht-Segen“ seine eben einstudierten Stücke aufführt, dann ist die Kirche fast immer bis auf den letzten Platz gefüllt.

Norderney lebt von der Vielfalt

Norderney ist durchaus gewöhnungsbedürftig. Die urbane Architektur zeigt noch deutliche Spuren der Bomben des Zweiten Weltkrieges. Wunderschöne alte Häuser, die teilweise rasant verschandelt wurden durch Anbauten, in denen noch mehr Gäste untergebracht werden können; und dazwischen Bettenburgen aus den 60er-Jahren, die das Küstenpanorama nicht gerade verschönern.

Auf den zweiten Blick aber machen gerade diese Brüche den Charme der Insel aus, denn nichts ist eindeutig. So wie die Urlauber auch. Feierfreudige Touristen fühlen sich von der Insel angezogen, und gleichzeitig sind da die Großeltern, die schon mit ihren Kindern da waren und jetzt mit den Enkeln im Sand Burgen bauen. Oder auch die aufrechten Naturliebhaber, die jedes Jahr aufs Neue in den Osten der Insel radeln und sich an Flora und Fauna der Dünenlandschaft ergötzen. Und eben jene Freunde des anspruchsvollen Freizeitvergnügens in der Inselkirche mit Wort und Klang und vielem mehr. Nächstes Jahr bin ich wieder da. Meine Frau auch. Wir sind Fans der Insel und der Inselkirche.

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