Verhandlungen über die ruhenden Pfarrstellen im Pommerschen Kirchenkreis

Wo die Kirche sparen will

Nach zähen Verhandlungen steht fest, für welche 25,5 Pfarrstellen im Pommerschen Kirchenkreis ein Nachbesetzungsstopp verhängt wird. Mancherorts müssen nun erst wieder Wunden heilen.

Ein "R" für ruhend: So soll die Zukunft der Pfarrstellen im Kirchenkreis Pommern aussehen. Insgesamt sollen 25 Pfarrstellen auf "ruhend" gesetzt werden

von Sybille Marx

Kenz/Prerow/Tribsees. Pastor Kai Völker aus Kenz klingt aufgebracht am Telefon: über das, was Pröpstin Helga Ruch auf der Pommerschen Kirchenkreissynode vor ein paar Wochen verkündet hat, völlig überraschend für ihn und seine Gemeinde, wie er betont. Die Pfarrstelle Kenz soll zu den gut 25 von 120 Pfarrstellen gehören, die im Pommerschen Kirchenkreis einen Einstellungsstopp bekommen, „ruhend“ gesetzt werden – um für Jahre oder auf immer vakant zu bleiben. „Wir haben ein Protestschreiben an das Präsidium der Kirchenkreissynode geschickt“, knurrt Völker. „Diese Beschlüsse sind ohne die zuständige Regionalgruppe getroffen worden!“ Mehr will er dazu nicht sagen.

Schon das deutet an: Die Entscheidungen, die in den vergangenen Monaten im Pommerschen Kirchenkreis ausgehandelt werden mussten, waren schwer. „Schmerzhaft“, wie Propst Gerd Panknin öfter betonte. Sinkende Kirchensteuermittel und die Renteneintrittswelle, die auch unter den Pastoren der Nordkirche begonnen hat, fordern ihren Tribut.

Kooperation ausgelotet

Von 120 Pfarrstellen im Pommerschen Kirchenkreis werden bis 2025 gut 25 auf ruhend gesetzt. Bis zum Jahr 2030 folgen etwa 20 weitere. Nach einem Beschluss der pommerschen Synodalen sollten sich die Gemeinden in den vergangenen eineinhalb Jahren zu „Gesprächsregionen“ zusammenfinden und mit Hilfe von Gemeindeberatern ausloten, wie sie angesichts dieses Abbaus enger zusammenarbeiten könnten –aber auch, wo in ihrer Region die geforderte Zahl von Einstellungsstopps verhängt werden soll.

Die Kirche Kenz birgt Kunstschätze wie dieses Kenotaph Foto: Rainer Neumann

Pröpstin Helga Ruch verteidigt ihre Entscheidung zu Kenz. „Es ist doch klar, dass die Gemeinde selbst das nie vorgeschlagen hätte“, sagt sie. „Man kann von niemandem verlangen, sich selbst ein Bein abzusägen.“ Solche unangenehmen Dinge zu beschließen, sei Leitungsaufgabe. Wer von oben auf die Landkarte gucke, könne bei dieser Gesprächsregion aber kaum zu anderen Schlüssen kommen. Bisher sind dort die acht Pfarrstellen Prohn, Barth, Kenz, Zingst, Prerow, Semlow-Eixen, Ahrenshagen und Damgarten besetzt. Für zwei davon muss ein Nachbesetzungsstopp verhängt werden, das ist die Vorgabe.

Klar sei: In Barth als der größten Stadt der Region müsse ein Pastor bleiben, sagt Ruch. Und Kenz liege nun mal dicht an Barth. „Würden wir eine andere Pfarrstelle ruhend setzen, würden noch viel größere weißen Flecken entstehen.“ Und natürlich sei sie auch nicht glücklich mit der Lösung, „aber im Vergleich zu den anderen Propsteien sind wir hier noch gut aufgestellt“.

„… dann kann alles ganz anders sein“

Völkers Aufregung findet Pröpstin Ruch auch aus anderen Gründen unnötig: Der Beschluss trete überhaupt erst dann in Kraft, wenn die Pfarrstelle Kenz vakant werde, sagt sie. „Und Herr Völker geht erst in etwa 15 Jahren in den Ruhestand, bis dahin kann alles wieder ganz anders sein.“ Egal, wie es mit Kenz am Ende ausgeht, auffallend ist: Propst Panknin hatte wenige Wochen zuvor auf der Pommerschen Kirchenkreissynode noch betont, die Gemeinden als Regionen hätten die Entscheidungen getroffen. „Ich bin sehr dankbar, dass die Beschlüsse zu den ruhenden Pfarrstellen nicht im Kirchenkreisrat gewachsen sind, sondern dort, wo sie umgesetzt werden“, sagte er. Dann wurde verlesen, wo künftig welche Pfarrstellen ruhen sollen, die Synodalen stimmten zu – beschlossen war’s. Außer im Fall von Glewitz, wo ein ehrenamtlicher Synodaler aus der Region protestierte, der Beschluss nochmal vertagt wurde.

Aber was heißt das nun für die Pastoren und Gemeinden, dass die ruhenden Pfarrstellen beschlossen sind? Wie geht es den direkt Betroffenen? Pastor Kai Völker will darüber nicht weiter reden. Pastor Harald Apel aus Zingst auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst auch nicht, „bitte haben Sie dafür Verständnis“, schreibt er per E-Mail. Fest steht: Wenn Apel in etwa zwei Jahren in den Ruhestand geht, wird kein Nachfolger für ihn kommen, das haben die Mitglieder der Gesprächsregion, die Pröpstin und nun auch die Synodalen beschlossen. Fest steht damit auch: Pastorin Ines Dobbe, die erst vor einem halben Jahr in Prerow angefangen hat, wird dann die einzige Pastorin auf der Halbinsel sein, einer Region, die im Sommer von Urlaubern geflutet ist.

In Etappen zum Ziel

Besorgt klingt sie am Telefon aber nicht. Wie viele Gemeindeglieder, Kirchen, Kapellen, Pfarrhäuser und Friedhöfe künftig zu ihrem Seelsorgebezirk gehören werden, hat sie sich noch gar nicht ausgerechnet. Konkrete Ideen, wie sich die Arbeit auf der Halbinsel organisieren ließe, sobald Apel fort ist, sind bei den Treffen der Gesprächsregion auch nicht herausgekommen. Aber das sei auch noch zu früh, meinte Ines Dobbe. „Es ist ein Herantasten.“ Noch sei Apel ja im Dienst und sie selbst dabei, sich überhaupt erst in der Gemeinde Prerow einzuarbeiten. Klar, „das ist schon ein Berg, der da vor mir liegt. Aber jeden Berg kann man nehmen, wenn man ihn in Etappen geht.“

Jahrhundertelang ohne Kirche

Wenn es so weit sei, werde sie anfangen zu schauen: „Was kann so bleiben, wo braucht es neue Strukturen?“ Immerhin habe Zingst viele Jahrhunderte gar keine eigene Kirche gehabt, „die Zingster waren es gewohnt, nach Prerow zu kommen.“ Unter anderem das könne helfen. Von Angst oder Abwehr in ihrer Stimme keine Spur.

In anderen Teilen des Kirchenkreises keimen dagegen Fluchtgedanken. Pastor Detlef Huckfeldt, 53, hat angefangen, wieder Stellenanzeigen zu lesen. Als er vor ein paar Jahren nach Tribsees kam, war er überzeugt, dass er bis zur Rente bleiben würde. Doch den Plan, der zuletzt für die Region im Gespräch war, will Huckfeldt nicht mitmachen: Glewitz auf ruhend zu setzen, sobald sein Kollege Rolf Kneißl dort in den Ruhestand geht, in sechs, sieben Jahren. „Dann entsteht hier ein Seelsorgegebiet von Franzburg bis fast nach Loitz, Demmin, mit 54 Dörfern, 14 Kirchen, ein paar Kapellen und leerstehenden Pfarrhäusern“, sagt Huckfeldt. Und schon jetzt sehe er an Vorland, was es bedeute, eine Gemeinde vom grünen Tisch aus zu verwalten.

Pröpstin Helga Ruch Foto: Daniel Vogel / kirche-mv.de

Die Gemeinde Vorland, 14 Kilometer von Tribsees entfernt, ist seit Jahren vakant, Huckfeldt und Kneißl machen gemeinsam Vertretung. Jahrzehntelang seien sie beide Einzelkämpfer gewesen, „Platzhirsche“, wie Huckfeldt lachend sagt. Nun haben sie sich nach Talenten und Vorlieben die Vertretungsarbeit aufgeteilt. „Das klappt wunderbar“, sagt Kneißl. Trotzdem: Der Bezug zu den Gemeindegliedern in Vorland fehle, sagt Huckfeldt. Von dort rufe keiner mal an und sage, Herr soundso wird 90, wollen Sie den nicht besuchen? Den Gedanken, künftig von noch mehr Gemeindegliedern weit weg zu sein, findet Huckfeldt unerträglich. „Ich hätte ständig das Gefühl, den Leuten nicht gerecht zu werden.“

Nach dem Einspruch eines Synodalen hat die Kirchenkreissynode Ende Mai allerdings beschlossen, dass die Gesprächsregion mit Glewitz und Tribsees noch einmal Zeit bekommt, ein neues Szenario zu entwerfen – eines, in dem der Grimmer Pastor seine Arbeitskraft mit in die Waagschale fürs Umland wirft. „Darüber nochmal nachzudenken, finde ich sinnvoll“, sagt auch Pröpstin Ruch. Bei der Herbstsynode 2022 soll ein Vorschlag vorliegen.

Jenseits von Kirchturmdenken!

Davon abgesehen hofft Ruch, dass die Gemeinden nun, da die Rahmenbedingungen stehen, endlich stärker das diskutieren, was sie ihrer Meinung nach viel dringender diskutieren müssten: wie es den verbleibenden Haupt- und Ehrenamtlichen in der Region gelingen könnte, dass die Christen dort weiter ihren Glauben leben können. Jenseits von Kirchturmdenken, jenseits von Pastorenfixierung, kreativ und pragmatisch. „Eine Gemeinde ist nicht der Pastor, eine Gemeinde sind alle, die sich in ihr engagieren“, sagt Helga Ruch.

„Leider waren einige Pastoren in den Gesprächs­regionen bisher vor allem damit beschäftigt zu gucken, wie sie ‚ihre Stelle‘ sichern könnten.“ Verständlich, sagt sie. Wichtig sei nun aber, sich mit den anderen in der Region als Team zu verstehen und gemeinsam Ideen zu entwickeln. „Wo das passiert“, sagt Ruch, „finden wir auch Wege“. Im Übrigen habe es schon viel drastischere Reformen in Pommern gegeben. „Auch diese hier wird nicht das Ende der Kirche sein.“

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