Einsichten – die christliche Kolumne

Wirklich verstanden

Über den Segen Gottes schreibt Anna Cornelius. Sie ist Pastorin in der Kirchen­gemeinde Großhansdorf-Schmalenbeck bei Hamburg.

Jahrelang ist das Volk Israel schon in der Wüste unterwegs. Ägypten liegt hinter ihnen. Kanaan – das Land der Verheißung – noch vor ihnen.

Und genau in diese kräftezehrende, andauernde Wüstenzeit spricht Gott zu Mose seinen Segen, den er an seinen Bruder Aaron – den ersten Hohepriester – weitergeben soll. Dieser Segen soll dem Volk Israel fortan von den Priestern zugesprochen werden. Und er wird uns auch heute immer noch zugesprochen.

Dass das Leben wie eine Wüste sein kann, diese Erfahrung haben wir alle wohl schon gemacht, haben Durststrecken durchlebt, Dürrezeiten. Und gerade in diesen Zeiten ist der Segen eine Zusage Gottes, die Kraft gibt, stärkt und hoffen lässt: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

In einer Gesellschaft, in der einem suggeriert wird, dass man alles aus sich selbst heraus schaffen kann – wenn man sich nur genug anstrengt – und dass man alles in der Hand hat, ist der Segen eine Art Gegengewicht. Wir können uns den Segen nicht selbst zusprechen. Nicht wir segnen uns selbst, sondern Gott segnet uns und der Segen wird uns zugesprochen. Dafür müssen wir nichts tun, wir dürfen einfach nur da sein und den Segen empfangen. Uns segnen lassen.

Dabei richtet sich Gottes Segen ausdrücklich an ein „du“, nicht an ein „euch“. Es ist ein sehr persönlicher, fast intimer Moment zwischen Gott und dem einzelnen Menschen. Du wirst gesegnet, nicht irgendwer – du!

Im Segen wird uns verheißen, dass Gottes Angesicht über uns leuchten werde. Damit ist eine liebevolle Zuwendung Gottes gemeint. Gott ist nicht in weiter Ferne, nicht irgendwo versteckt, sondern direkt über uns. Gottes Angesicht leuchtet über uns, er strahlt uns an, er sieht uns an. So, wie wir sind. Ohne schützenden Panzer. Ohne Maske. Von Angesicht zu Angesicht. Echt, ehrlich, bis in die Tiefen unserer Seele. Wirklich gesehen. Wirklich verstanden. Gesegnet.

Unsere Autorin
Anna Cornelius ist Pastorin in der Kirchen­gemeinde Großhansdorf-Schmalenbeck bei Hamburg.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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