Schule während der Corona-Pandemie

Wie Religion gegen die harten Fächer besteht

Die Schulen konzentrieren sich während der Corona-Pandemie auf Deutsch, Mathe oder Englisch, zu Lasten kleiner Fächer wie Religion. Das Pädagogisch-Theologische Institut der Nordkirche hat dafür Verständnis – noch.

Religion wird momentan selten unterrichtet (Archivbild)

von Timo Teggatz

Hamburg. Religion hat sie schon lange nicht mehr unterrichtet. Christina Domokos arbeitet als Lehrerin an einer Beruflichen Schule in Hamburg – und muss sich in der Corona-Pandemie auf ihr zweites Fach „Entwicklung und Bildung“ konzentrieren. Die eigentlich vorgesehenen Religionsseminare hat die Schulleitung gestrichen.
Nur einmal hat Christina Domokos doch Religion gegeben – als sie mit ihren Schülern darüber sprach, wie sie die vergangenen zwei Monate erlebt hatten. Mit diesem Thema folgte sie einer Empfehlung, die das Pädagogisch-Theologische Institut der Nordkirche (PTI) den Lehrern gegeben hat.

Für Hans-Ulrich Keßler, den Leiter des PTI, ist die Reduzierung der Fächer in der Krise nachvollziehbar. „Die Annahme, hier würde etwas zu Lasten des Faches Religion gehen, ist eine Fehlinterpretation“, sagt er. Eine solche Ausnahmesituation führe zu außergewöhnlichen Maßnahmen.

Abitur war wichtig

Wichtig sei zum Beispiel gewesen, dass die Schüler ihre Abschlüsse hätten machen können – ein vollwertiges Abitur oder Mittlere Reife. „Ein Corona-Abitur, wie es in der Diskussion war, hätte ihnen ein Leben lang nachgehangen“, sagt Keßler.

Hans-Ulrich Keßler Foto: Peter Lühr

Ob in den vergangenen Wochen überhaupt Religionsunterricht erteilt worden ist, darüber hat Keßler keine verlässlichen Angaben. Über seine Kontakte hat er aber gehört, dass das nur an wenigen Schulen der Fall gewesen ist – und zwar mithilfe von Lehramtsstudenten, die auf Drängen ihrer Unis Praktikumsplätze an Schulen bekommen haben.

Von ausgebildeten Lehrern wird Religion auch nach dem Neustart des Präsenzunterrichts selten gegeben. Aus einem einfachen Grund: Weil die Klassen nur noch etwa halb so groß sind, werden doppelt so viele Arbeitsstunden der Lehrer gebraucht – oft zu Lasten der Religionsstunden.

Wichtige Rolle für Religionslehrer

Dennoch sieht Keßler die Religionslehrkräfte jetzt in einer wichtigen Rolle. In der Corona-Pause hätten die Schüler zu Hause sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Einige seien als Familie zusammengewachsen, andere hätten Katastrophales erlebt – bis hin zu Gewalt. Dank ihrer besonderen Kompetenzen könnten Religionslehrkräfte die Schülergruppen nun wieder zusammenführen, ist sich Keßler sicher. „Denn Religionslehrkräfte stehen als Personen für den Inhalt des Fachs.“

Doch was passiert nach den Sommerferien? Wenn sich die Schulleitungen weiter auf Hauptfächer konzentrieren, möchte Hans-Ulrich Keßler eine öffentliche Diskussion anregen. „Dann soll es um die Frage gehen, was der Bildungsauftrag der Schulen ist“, sagt er. Die Debatte solle dann aber um alle „kleineren Fächer“ gehen – um Religion genauso wie um Philosophie, Musik oder Kunst.

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