Einsichten – die christliche Kolumne

Wie im Rausch

Über ansteckende Lebensfreude schreibt Katja Kretschmar. Sie ist Pastorin der Kirchengemeinde Husum (Schleswig-Holstein).

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“ aus Epheser 5, 15-20

„Ich will immer so gern berauscht sein und werde doch immer nur breit“, singt die Band Element of Crime in ihrem Lied „Über Nacht“ – und bringt damit die Spannung auf den Punkt, die auch den Abschnitt des Epheserbriefes kennzeichnet: Wie gehen wir mit der Erkenntnis um, dass wir in einer Welt leben, in der so vieles falsch läuft?

Die Flucht aus der Wirklichkeit durch Betäubung ist eine Möglichkeit: Die Welt wird erträglicher, wenn ich sie nicht mehr an mich heranlasse. Alkohol ist nur das plakativste Beispiel. Ständige Zerstreuung durch Internet, Shopping oder die Selbstisolation können das gleiche Ziel haben, die Schrecken der Welt weniger zu spüren und die Frage nicht mehr zu stellen: Wie gelingt es, dass das Richtige sich Raum schafft im Falschen?

Meine Sehnsucht wird durch diese Lösung nicht gestillt. Die Sehnsucht, das Leben zu spüren in seiner ganzen Fülle: zu lieben, zu lachen, zu weinen, zu probieren, zu scheitern und es neu zu versuchen. Eben leben.

Paulinische Antwort

Doch wie kann so ein Leben gelingen, ohne ins Oberflächliche abzugleiten? Wie gelingt es, dass ich „nicht voller Dummheit, sondern voller Weisheit“ lebe?

Die paulinische Antwort: Steckt euch gegenseitig an mit Lebensfreude! Ja, schenkt euch diese Lebensfreude, wenn ihr dem Geist Gottes Raum macht in der Welt – mit Musik und Dankbarkeit. Geradezu rauschhaft fröhlich erscheint mir diese Beschreibung des Gottesdienstes im Epheserbrief. Sie wird so zum Hoffnungsbild: Die ernüchternde Erkenntnis „Ich will immer so gerne berauscht sein und werde doch immer nur breit“ – sie ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Echte Weisheit lässt Gottes Geist in diese Welt. Sie sucht das Mitein­ander, sie übt den Blick für Gutes und verschließt ihn nicht vor dem Schweren. Sie hält daran fest, dass wir gemeinsam etwas davon sichtbar machen können, wie Gott sich seine Welt gedacht hat. Ein Ort zum Leben. Für alle. Gemeinsam. So geht Gottesdienst mitten im Leben: die Welt nüchtern im Blick und berauschend fröhlich zugleich.

Unsere Autorin
Katja Kretschmar ist Pastorin in der Kirchengemeinde Husum (Schleswig-Holstein).

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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