Wie einst Sisyphos

Von scheinbar unüberwindlichen Mühen schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Auch dieser Käfer schafft es – vorerst – nicht über das Hindernis

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“
aus Lukas 5, 1-11

Vergebliches Mühen deprimiert. Die alten Griechen erzählten sich die Geschichte von Sisyphos. Der war dazu verdammt worden, einen Stein den Berg hinaufzustemmen. Doch jedes Mal, kurz vor Erreichen des Gipfels, entglitt er ihm und rollte zurück ins Tal.

So geht es schon seit Jahren manchen, die sich in der Kirche engagieren. Die Zahl der Mitglieder nimmt ab. Im Gottesdienst ist der harte Kern oft unter sich. Und auch der bröselt, vor allem durch Alter und Tod der Getreuen.

Untätigkeit kann ihnen niemand vorwerfen. Was hatten sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht alles probiert, um den Trend aufzuhalten, ja umzukehren. Dabei hatten sie sich sogar manchmal teure Tipps von Beratern geholt, sich dem Zug der Zeit geöffnet. Es gab auch Erfolge, aber die waren meist nur von kurzer Dauer. Dann ging es wieder bergab.

Diese Erfahrung machen auch die Fischer am See Genezareth­, von denen Lukas erzählt: Sie hatten die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen. Als Jesus sie sieht, hat er einen verwegenen Rat: Gegen jede Vernunft sollen sie hinausfahren, noch einmal die Netze auswerfen. Auch wenn sie das total verrückt finden – was haben sie schon zu verlieren? Und so fahren sie noch einmal hinaus. Und das Unerwartete geschieht: die Netzte sind so schwer von den gefangenen Fischen­, dass sie sie kaum ins Boot bekommen. So erfolgreich soll ihre Arbeit werden, wenn sie zukünftig für Jesu Botschaft „Menschen fischen“.

Wenn Lukas von Erfahrungen der Fischer am See Genezareth erzählt, hat er die christlichen Gemeinden im Blick, für die er sein Evangelium aufschreibt. Er erzählt vom Trotzdem, vom Vertrauen gegen alle Erfahrung. Und: Die Fischer fahren zwar wieder hinaus, aber nicht sie bewirken das Wunder und füllen die Netze, Gott ist es.

Es gibt Maler und Literaten, die lassen die Geschichte von Sisyphos so enden: Er lässt den Stein Stein sein und geht davon. Den unbezwingbaren Berg lässt er hinter sich, befreit dazu, das zu tun, was ihm möglich ist. Das für ihn Unmögliche überlässt er den Göttern.

Unser Autor
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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