Auf Einladung der Kirchengemeinde sind Maler rund um Demmin unterwegs

Wie eine Landschaft Trost spendet

Am Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen sich bei Demmin hunderte Menschen das Leben. Jetzt sind Landschaftsmaler auf Einladung der Kirchengemeinde gekommen. Ihre Bilder erzählen vor allem eins: Das Leben geht weiter.

Der Hamburger Maler Mathias Meindel bei der Arbeit

von Sybille Marx

Demmin. Immer so viel Himmel! Frank Supplie grinst verschmitzt, während er über die Kunstwerke seiner Kollegen spricht. „Bei Euch ist immer SO viel Himmel“, sagt der Maler aus Berlin und deutet mit dem Pinsel eine horizontale Linie am unteren Bildrand an. „Bei mir kriegt die Landschaft ordentlich Platz! Der Himmel spiegelt sich im Wasser.“

Es ist eine ästhetische Frage, die Supplie hier anspricht, aber man könnte sie auch anders stellen: Was spiegelt sich eigentlich in einem Landschaftsgemälde? Was können Betrachter darin wiederfinden? Wofür gibt der Maler Raum und was lässt er weg?

In Panik ertränkt

Pastor Karsten Wolkenhauer von der Demminer Kirchen­gemeinde hat Frank Supplie und acht andere der „Norddeutschen Realisten“ eingeladen, rund um Demmin ihre Staffeleien aufzustellen und zu malen: Landschaftsmotive mit den Techniken alter Meister, wie es diese Berufsmaler an vielen Orten Deutschlands schon getan haben. Diesmal eben als Teil der Veranstaltungsreihe „Über.Wunden“, die in Demmin die Auseinandersetzung mit dem Trauma aus den letzten Kriegstagen fördern soll.

Unterwegs rund um Demmin Foto: Privat

Dass sich in den Flüssen, die Demmin so idyllisch umarmen, im Mai vor 75 Jahren hunderte Menschen das Leben nahmen, wissen Frank Supplie und die anderen Maler; von Wolkenhauer haben sie sich durch die Region fahren lassen, haben auch Stellen gesehen, an denen damals Mütter ins Wasser gingen, in Panik sich und ihre Kinder ertränkten, als die Stadt von der Roten Armee eingenommen wurde.

Wolkenhauer erklärt: „Wir haben hier eine besondere Landschaft, eine besondere Geschichte, einen besonderen Zeitpunkt 75 Jahre nach Kriegsende“. Er sei froh, dass diese renommierten Berufsmaler hergekommen seien und anderen nun „ihre Wahrnehmung zur Verfügung“ stellten.

Große Weite, unberührte Natur

Die Bilder sollen später ausgestellt werden, vielleicht im Lübecker Speicher in Demmin; ein Katalog soll erarbeitet werden und auch etwas von der Auseinandersetzung mit der Geschichte schildern, sagt Wolkenhauer. „Ob sich dann jemand eines dieser Bilder kauft zum Gedenken an seine Verwandten, die hier lebten und starben oder einfach, weil es Kunst ist, weil es schön ist – das bleibt natürlich ihm überlassen.“

An diesem Freitag im Mai haben sich Frank Supplie und die beiden Hamburger Maler Lars Möller und Mathias Meindel in einen Vogelbeobachtungsturm ins Dörfchen Randow nahe Demmin geflüchtet, zum Schutz vor Wind und Regen. Am späten Morgen haben sie an den drei Fenstern ihre Staffeleien aufgestellt. Nun, am Ende ihres Arbeitstages, spiegelt sich in ihren Bildern keineswegs etwas vom Grauen der letzten Kriegstage, sondern einfach das, was Vorpommern heute auszeichnet: große Weite, friedliche Menschenleere, unberührte Natur, die Farben von Raps und Schilf und Gras und Himmel. Licht.

Wieder klarer sehen

Mathias Meindel hofft: „Vielleicht können wir dazu beitragen, dass die Menschen die Schönheit ihrer Region wieder klarer sehen.“ Wenn man irgendwo lange lebe, werde man ja blind dafür. Dann noch dieses Trauma. „Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mich mit diesem schweren Thema gar nicht viel befasst habe.“ Aus persönlichen Gründen könne er das derzeit nicht. Und würde es überhaupt etwas verändern, würden seine Bilder dann anders aussehen? „Ne“, sagt Meindl und schüttelt den Kopf. „Man kann das in der Landschaft ja nicht sehen.“

Galeristin und Ausstellungs­kuratorin Claudia Noffke findet: Eben das könnte ein heilsamer Aspekt der Aktion „Über.Wunden“ sein. „Wenn man hier in der Natur steht, sieht man einfach: Es ist Gras drüber gewachsen über alles, was passiert ist.“ Es sei wie mit den tausendjährigen Eichen in Ivenack: „Was haben die Schreckliches miterlebt. Aber man sieht es ihnen nicht an!“ In der Natur werde alles eingebettet in den Rhythmus von Werden und Vergehen. „Darum ist so eine Landschaft auch ein Trost.“

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